gibt es ein gutes gleichgewicht zwischen lehren und forschen

Für einen besseren Geographieunterricht an deutschen Schulen :-)

gibt es ein gutes gleichgewicht zwischen lehren und forschen

Beitragvon glimmerschiefer » Montag 3. Januar 2005, 16:29

ich gebe zu, hiermit eine umfassende, gemeine, schwierige, alte, aber doch (wie ich meine) immens wichtige frage gestellt zu haben. soweit ich überblicken konnte, wurde dieses thema bis jetzt noch nicht im forum angeschnitten und doch baut es irgendwie auf meine letzte frage (wieviel technik verträgt die lehre?) auf und führt diese weiter.
wie bereits erwähnt, habe ich während meines studiums zwei "paradigmen" der auffassung einer professur kennengelernt. das eine - zugegebenermaßen repräsentiert durch einen alten professor - nach art und weise, wie es in der ehemaligen ddr herrschte und das andere seit dem ausklang des letzten jahrtausends in der dresdener geographie aufkommende.
ersteres war geprägt durch - wie mir damals erschien - ein deutliches übergewicht der lehre gegenüber der forschung. verbunden mit der pädagogischen ausbildung der lehrkraft im rahmen der professur/des lehrstuhls gab es an der art und weise, wie die vorlesungen gehalten wurden auch nichts zu rütteln. alles war aus einem guss und man ging immer aus der vorlesung hinaus mit dem gefühl, dass genau das richtige maß an wissen in den kopf hineingedrückt wurde. allerdings habe ich den lehrstuhl als nichts anderes als eine art "ausbildungsmaschine" angesehen. die aktuelle forschung kam mir so gut wie nie vor augen.
anders bei der jetzt neu besetzten stelle. irgendwie scheinen sich viele vorzeichen komplett gewandelt zu haben. von veranstaltungen, in denen sich die die hälfte aller folien aus verschiedenen vorlesungen doppeln und auch die themen kaum wesentlich abgewandelt werden über häufige fragen, wie lange denn die stunde überhaupt noch dauere ist alles dabei, was einen stutzen lässt, ob die pflicht zum halten einer vorlesung lediglich als last oder gar notwendiges übel aufgefasst wird.

was sieht der rechtliche rahmen eigentlich vor in bezug auf die ausgewogenheit oder verteilung der zeit für forschung und lehre einer professur?
ist es als falsch anzusehen wenn ich denke, eine universität sollte vordergründig als ausbildungseinrichtung betrachtet werden (wenn nicht eine staatliche einrichtung wie eine uni, wer sonst?) und erst in zweiter reihe den vorantrieb von innovativer grundlagen- oder angewandter forschung quasi als hilfe (krückstock, klettergerüst) für die ausbildung von studenten betreiben?
wie gewinnbringend, nachteilig oder gar gefährlich ist es, die ausbildung eines professors nicht auch auf den didaktisch-pädagogischen bereich auszuweiten und praktisch nur (ich überspitze) forschungs- und entwicklungsorientierte arbeitstiere zu berufen?
lässt sich letztlich überhaupt ein wirklicher kompromiss zwischen lehre und forschung schließen oder grenzen sich diese beiden begriffe so stark voneinander ab, dass man sie einfach getrennt voneinander behandeln muss?

ich gebe zu, mit den letzten fragen überspitzen und polarisieren zu wollen, daher schmettert mich bitte nicht mit so einfachen antworten wie "ja" oder "nein" ab. mein ziel ist es, anhand dieser thesen eine diskussion in gang zu bringen.
glimmerschiefer
 
Beiträge: 461
Registriert: Donnerstag 9. Dezember 2004, 14:34

Beitragvon MisterX » Dienstag 4. Januar 2005, 12:54

Ein schönes Thema ... die Last mit der Qualität der Lehre.
Ein paar Gedanken, die mir dazu spontan einfallen:


ist es als falsch anzusehen wenn ich denke, eine universität sollte vordergründig als ausbildungseinrichtung betrachtet werden (wenn nicht eine staatliche einrichtung wie eine uni, wer sonst?) und erst in zweiter reihe den vorantrieb von innovativer grundlagen- oder angewandter forschung quasi als hilfe (krückstock, klettergerüst) für die ausbildung von studenten betreiben?

De jure und de facto ist es falsch. § 2 Hochschulrahmengesetz: "Die Hochschulen dienen entsprechend ihrer Aufgabenstellung der Pflege und der Entwicklung der Wissenschaften und der Künste durch Forschung, Lehre, Studium und Weiterbildung ...".

An den Hochschulen hat man gleiche Probleme, wie wohl überall im Arbeitsleben: Es gibt bessere und schlechtere "Arbeiter", es gibt motiviertere und weniger motivierte, es gibt Ausgewogenheit und Unausgewogenheit ... Nicht zuletzt deshalb glaube ich kaum, dass man das Problem durch Änderungen institutioneller Rahmenbedingungen grundsätzlich aus der Welt schaffen kann (aber möglicherweise wohl lindern oder auch verschlimmern).

Ohne Zweifel - kenne ich aus meinem Studium genauso wie aus meinem Arbeitsleben: Es gibt Hochschullehrer, die die Lehre mit Eifer, mit hohen Ansprüchen und mit Spaß betreiben, und es gibt welche, bei denen ist das nicht so. Insbesondere die Grundstudiumsausbildung wird von einigen auf Dauer als lästig betrachtet, weil sie eben eher die (über Jahre hinweg sich inhaltlich wenig ändernde und deshalb immer wiederholte) Pflicht ist; spezielle Hauptstudiumsveranstaltungen werden dann eher als die Kür betrachtet, in die die eigenen Forschungsinteressen einfließen können. Es ist dies sicher ein Problem dabei: Dass sich ein Teil der Hochschullehrer primär als Wissenschaftler sieht und die Lehre auf Dauer eher als ungeliebte Pflicht und dementsprechend als "Nebenbeschäftigung".

Ob es deshalb wünschenswert oder zweckmäßig wäre, Universitäten in erster Linie als Ausbildungseinrichtungen zu betreiben? Ich wage das zu bezweifeln. Mag sein, dass die Lehrpersonen dann mehr Zeit für die Lehre hätten, aber die Qualität der Lehre würde m.E. nicht unbedingt besser. Vor allem Anwendungsorientierung und Aktualität des vermittelten Stoffes würden, so fürchte ich, eklatant leiden. Nichts ist besser als ein Ausbilder, der gleichzeitig versierter "Praktiker" in seinem Fach ist; keine Ausbildungsstätte kann besser sein als die, die "an der Quelle des Wissens" liegt.
Und wo sollte die "echte" (nicht Krückstock-) Forschung betrieben werden?

lässt sich letztlich überhaupt ein wirklicher kompromiss zwischen lehre und forschung schließen oder grenzen sich diese beiden begriffe so stark voneinander ab, dass man sie einfach getrennt voneinander behandeln muss?

Der Kompromiss lässt sich ohne Zweifel finden - es gibt zahlreiche Wissenschaftler, die gleichzeitig Forschung und gute Lehre betreiben!

wie gewinnbringend, nachteilig oder gar gefährlich ist es, die ausbildung eines professors nicht auch auf den didaktisch-pädagogischen bereich auszuweiten und praktisch nur (ich überspitze) forschungs- und entwicklungsorientierte arbeitstiere zu berufen?

Wirklich sehr überspitzt :)
Meine persönliche Meinung: Ich würde eine didaktische "Zwangs"Ausbildung der Lehrkräfte an Universitäten befürworten. Ein Problem gibt dabei es natürlich mit den nur befristet angestellten Mitarbeitern, die ja häufig einen nicht unbedeutenden Teil der Lehre bestreiten. Die sind nur wenige Jahre an der Uni; die werden dann didaktisch geschult - und wenn sie damit fertig sind, ist schon die Hälfte der Vertragslaufzeit vorbei...

Aber selbst wenn das Lehrpersonal eine didaktische (und pädagogische) Ausbildung hätte, ist damit nicht gesagt, dass die entsprechenden Personen auch Lust zum Unterrichten haben ... Problem also nicht beseitigt ...

veranstaltungen, in denen sich die die hälfte aller folien aus verschiedenen vorlesungen doppeln und auch die themen kaum wesentlich abgewandelt werden

Natürlich sollten sich die Themen der verschiedenen Veranstaltungen nicht zu sehr gleichen ... Aber Überschneidungen, Dopplungen etc. können auch ein Zeugnis des integrativen Charakters des Faches sein ...
MisterX
 
Beiträge: 26
Registriert: Dienstag 14. Dezember 2004, 16:34

Beitragvon MisterX » Dienstag 4. Januar 2005, 16:13

Ich muss mich korrigieren:
Ich würde eine didaktische "Zwangs"Ausbildung der Lehrkräfte an Universitäten befürworten.

Natürlich keine "didaktische Zwangsausbildung" - sondern eine "erzwungene Didaktikausbildung" .... ich würde also eine obligatorische Didaktikausbildung befürworten....
MisterX
 
Beiträge: 26
Registriert: Dienstag 14. Dezember 2004, 16:34

Beitragvon geogräfin » Donnerstag 20. Januar 2005, 18:49

kenne ich auch zur genüge - dozenten, die bei den grundstudiums-veranstaltungen deutliche unlust zur schau tragen, bei kleinen intensiven "intimeren" seminaren (insbes. im hauptstudium) dann aber äußerst engagiert sind. Ich habe den eindruck, dass das auch sehr stark daran liegt, dass solche dozenten von den studien-(und lehr-)bedingungen mindestens genauso frustriert sind wie viele studenten: anonyme massenveranstaltungen, hohe störpotentiale ...

Dabei würde ich dir in einem punkt widersprechen:
Nicht zuletzt deshalb glaube ich kaum, dass man das Problem durch Änderungen institutioneller Rahmenbedingungen grundsätzlich aus der Welt schaffen kann (aber möglicherweise wohl lindern oder auch verschlimmern)
oder zumindest das lindern dick unterstreichen: wären die lehr- und studienbedingungen insofern besser, dass das betreuungsverhältnis (studenten je lehrkraft) deutlich günstiger und die lehrveranstaltungen von der größe her überschaubarer wären, hätte ich schon die hoffnung, dass sich die motivation von solchen "problemdozenten" erhöhen würde und damit die qualität von entsprechenden lehrveranstaltungen deutlich bessern könnte.
geogräfin
 
Beiträge: 218
Registriert: Donnerstag 23. September 2004, 23:52

Beitragvon Arno » Sonntag 23. Januar 2005, 16:23

ich finde, jeder Hochschullehrer sollte so interessante Forschungen zu betreiben bestrebt sein, dass er einige Aspekte davon auch in die Grundausbildung einbringen kann.
Das Problem und zugleich das Gute ist, dass sich unter den Lehrenden sehr verschiedene Charaktere finden: In Bezug auf das Thema gibt es natürlich reine Forscher, reine Lehrer, solche, die beides mit gleicher Hingabe betreiben, und solche die eine besondere Begabung für Verwaltungstätigkeiten entwickeln. Die starre Regelung ist aber, dass zumindest die ersten drei Gruppen ihre 8 SWS Lehre leisten müssen, gleichgültig, ob sie dafür geeignet sind. Hier würde eine größere Flexibilität "Lehrer" mehr lehren und "Forscher" mehr forschen lassen.
Andererseits spielt die Lehrbefähigung (im übertragenen, nicht im juristischen Sinn) bei Berufungsverfahren oft eine zweitrangige Rolle, so dass dann zugunsten der Forscher gefiltert wird.
Dafür gibt es auch gute Gründe, denn völlig im Gegensatz zu Phyllit vertrete ich die Auffassung, dass die Universitäten viele wichtige Aufgaben für die Gesellschaft aber auch für das Wissen per se zur Not auch völlig ohne Studierende erfüllen könnten, nicht aber ohne Forschung.
Als Stätten der Ausbildung ohne Forschungsauftrag sind in unserem System die Fachhochschulen vorgesehen.
Gegenüber dem Argument, dass Forscher lehren lernen müssten, habe ich ein gewisses Misstrauen entwickelt: Einige der schlechtesten Vorträge, die ich je hörte, stammten von Didaktikern - nein, Du bist nicht gemeint ;) -; sollten die's nicht eigentlich gelernt haben?
Arno
 
Beiträge: 1084
Registriert: Donnerstag 11. Dezember 2003, 10:08

Beitragvon karlmay » Montag 24. Januar 2005, 12:47

Andererseits spielt die Lehrbefähigung (im übertragenen, nicht im juristischen Sinn) bei Berufungsverfahren oft eine zweitrangige Rolle, so dass dann zugunsten der Forscher gefiltert wird.
Dafür gibt es auch gute Gründe, denn völlig im Gegensatz zu Phyllit vertrete ich die Auffassung, dass die Universitäten viele wichtige Aufgaben für die Gesellschaft aber auch für das Wissen per se zur Not auch völlig ohne Studierende erfüllen könnten, nicht aber ohne Forschung.

hm, halte ich für nicht ganz unproblematisch, diese sicht - denn schließlich hat die uni, wie Mr.X ja angeführt hat, den ausdrücklichen auftrag zu lehre und ausbildung. da kann man doch nicht sagen "wir verzichten auf ein stück qualität der lehre, weil die uni auch ohne lehre noch wichtige aufgaben erfüllt".

Gegenüber dem Argument, dass Forscher lehren lernen müssten, habe ich ein gewisses Misstrauen entwickelt: Einige der schlechtesten Vorträge, die ich je hörte, stammten von Didaktikern - nein, Du bist nicht gemeint -; sollten die's nicht eigentlich gelernt haben?

einige der schlechtesten geographen, die ich kennengelernt habe, haben geographie studiert. da sollte man sich noch mal überlegen, ob alle, die geographen werden wollen, wirklich geographie studieren müssen ... ;)
und "vortrag" ist ja nun nur ein teil der ganzen ausbildungsgeschichte.
karlmay
 
Beiträge: 136
Registriert: Mittwoch 19. Mai 2004, 17:36

Beitragvon Arno » Montag 24. Januar 2005, 17:28

da hast Du mich vielleicht missverstanden, Sharlih. Ich meine nicht - ganz im Gegenteil - dass eine Vernachlässigung der Lehrbefähigung in Berufungsverfahren wünschenswert sei, sondern dass dies de facto so gehandhabt wird.
Der zweite Teil dessen, was Du im ersten Zitat kritisierst, war zugegebenrmaßen überspitzt und provokant. Ich wollte damit eine Gegenthese formulieren zu Glimmerschiefers rethorischer Frage:
eine universität sollte vordergründig als ausbildungseinrichtung betrachtet werden

Deinen zweiten Kommentar verstehe ich leider nicht wirklich.
Arno
 
Beiträge: 1084
Registriert: Donnerstag 11. Dezember 2003, 10:08

Beitragvon karlmay » Montag 24. Januar 2005, 18:50

aus der tatsache, dass einige derjenigen, die "es gelernt haben sollten", es nicht gut können, zu schließen, dass man grundsätzlich auf dieses "lernen" verzichten sollte/könnte, ist m.e. ungeschickt ....
karlmay
 
Beiträge: 136
Registriert: Mittwoch 19. Mai 2004, 17:36

Beitragvon Arno » Montag 24. Januar 2005, 21:06

Asche auf mein Haupt, Kara Ben Nemsi, Du hast natürlich recht.

Bei meinem Misstrauen aber bleibe ich - vorläufig. Vielleicht kann uns ja mal jemand aufklären, der ein Hochschuldidaktik-Seminar besucht hat, was man da lernt.
Arno
 
Beiträge: 1084
Registriert: Donnerstag 11. Dezember 2003, 10:08

Beitragvon karlmay » Dienstag 25. Januar 2005, 12:54

sag mal, Sticky, was hast du eigentlich für eine despektierliche art, mit anderer leute namen umzugehen?
:( :) :P
karlmay
 
Beiträge: 136
Registriert: Mittwoch 19. Mai 2004, 17:36

Nächste

Zurück zu Schule und Didaktik

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast