Wieviel Technik verträgt eine Vorlesung?

Für einen besseren Geographieunterricht an deutschen Schulen :-)

Wieviel Technik verträgt eine Vorlesung?

Beitragvon glimmerschiefer » Dienstag 14. Dezember 2004, 14:35

Mich würde mal interessieren, wie ihr zum Einsatz "neuer" Medien in Vorlesungen/Seminaren steht.
Hier in Dresden haben wir Studenten einen recht großen Wechsel in Sachen Vorlesungsstil erlebt. Von vor Stundenbeginn an der Tafel vorgezeichneten Skizzen und bis zur Unkenntlichkeit kopierten Folien hin zu (z.T.) allein PPT-gestützt gehaltenen Vorlesungen.
Nun stellt sich die Frage, was ist besser für den Lernenden? Eher ähnlich wie zu Schulzeiten von Tafelbildern und den eigenen Mitschriften zu zehren oder sich von einer Bilderflut überrollen zu lassen und im ausgeduckten "Bilderscript" (mehr schlecht als recht) mitzukritzeln?

Ich zumindest sehe für das Grundstudium die erstere Variante als die bessere an. Wenn auch durch den Einsatz von interaktiven Bildlichtgeräten eine ganze Menge besser veranschaulicht werden kann. Aber dazu kann man ja auch in die Natur gehen...

Nicht zu vergessen sind dabei auch Probleme, die entstehen, wenn Vortragende nicht in der Lage zu sein scheinen, ihre Präsentation richtig zu bedienen (geht jetzt nicht in Richtung Ostflügel).
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Beitragvon MisterX » Dienstag 14. Dezember 2004, 19:00

Fürwahr, ein interessantes Thema.
Ich erlaube mir, als Angehöriger der dozierenden Seite eine erste Antwort zu geben.
Es ist wirklich gar nicht so einfach, bei der Wahl der Mittel zur Unterrichtsgestaltung den richtigen Weg zu finden - eine eindeutige Antwort pro oder contra den einen oder anderen Weg kann ich deshalb auch nicht geben.
Ich halte es aber für wichtig, einige Punkte etwas zu entflechten:

- Es ist nicht nur die gewählte Technik von Bedeutung für die Qualität der Veranstaltung, sondern auf jeden Fall auch die Art ihrer Anwendung bzw. des Umgangs mit ihr. Tafelbild ist nicht gleich Tafelbild, ppt-Präsentation ist nicht gleich ppt-Präsentation.
Nicht zu vergessen sind dabei auch Probleme, die entstehen, wenn Vortragende nicht in der Lage zu sein scheinen, ihre Präsentation richtig zu bedienen
Und die Probleme, die bei schlechten Tafelbildern entstehen? Oder dadurch, dass das einmal Weggewischte einfach weg ist?


- Einige der von dir angesprochenen Aspekte sind nicht zwangsläufig mit der gewählten Technik verbunden; sie kommen aber - zugegeben - bisweilen in ihrem Fahrwasser daher.
sich von einer Bilderflut überrollen zu lassen
im ausgeduckten "Bilderscript" (mehr schlecht als recht) mitzukritzeln
wie zu Schulzeiten von Tafelbildern und den eigenen Mitschriften zu zehren

ppt-Präsentation hat nicht unbedingt mit Bilderflut zu tun (übrigens - in meiner Studienzeit - lange vor ppt., als auch noch wenig mit Folien gearbeitet wurde, war es völlig üblich, in Vorlesungen eine (Un)Menge von Dias gezeigt zu bekommen - nicht nur mit "Bildern der Natur", sondern mit abfotografierten Diagrammen, Schaubildern etc. etc. Die Bilderflut ist kein ppt-typisches Phänomen...) ; das "eher schlecht als recht Mitkritzeln in ausgedruckten Bilderscripten" ebensowenig; die eigenen Mitschriften, die auf Tafelbildern basieren, können u.U. viel schlimmere Kritzeleien werden.
Wenn auch durch den Einsatz von interaktiven Bildlichtgeräten eine ganze Menge besser veranschaulicht werden kann.
Wenn das nicht ein ganz entscheidender Punkt ist - das Veranschaulichen !!!
Aber dazu kann man ja auch in die Natur gehen...
Njet. Vorlesung/Seminar ist keine Exkursion. Und die Theorie von Weber, die Ansätze zur Erklärung der Geburtenentwicklung oder des mittelatlantischen Rückens - wie soll man das in 90 Minuten "in der Natur" zeigen???

- Lehrveranstaltungen sind auch "soziale Systeme". Die Wahl der Waffen ist nicht immer nur eine ureigene Entscheidung der Lehrperson, sondern wird z.T. auch von Ansprüchen der Studenten geleitet. Ich habe mich lange geziert, in Lehrveranstaltungen auf ppt umzusteigen - weil ich eine Inflationierung der Ansprüche der Hörer befürchte(te). Die ist auch längst eingetreten. Nachdem es bei einem Teil der Dozenten zur Selbstverständlichkeit wurde, mit ppt zu arbeiten, habe ich immer häufiger Kritik an meinen bis dahin einfachen s/w-Folien gehört. Zumindest farbig sollten sie doch bitteschön sein. Und während es in den "alten Zeiten" normal war, die Mitschriften eigenverantwortlich anzulegen, ist es, seit Folien oder ppt-Präsentationen Standard sind, auch bei einer ganzen Reihe von Studenten "Standard" geworden, Kopien der Folien/der ppt-Präsentation zu erbitten, um das "Mitkritzeln" zu erleichtern. Und wenn - wie du auch angesprochen hast - mal was schief läuft bei einer Präsentation, gibt es mit Sicherheit ein paar Stimmen, die darüber lästern.

So schließe ich mich denn deiner Frage an (mit einer kleinen Akzentverschiebung): Welches ist der richtige Weg zur Unterstützung von Lehrveranstaltungen durch visuelle Medien?
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Beitragvon Domingo » Dienstag 14. Dezember 2004, 20:24

Wer soll denn entscheiden was der richtige Weg ist?!
Es ist wohl ziemlich vermessen eine konkrete Aussage zu treffen, da die Studenten/Zuhörer (nicht immer das gleiche :P )das ihnen präsentierte auf unterschiedliche Art und Weise aufnehmen und verarbeiten.
Für den "visuellen Typen" sind anschauliche Grafiken wohl das A und O, der eher "auditive Typ" wird von einem fesselnden Vortrag angeregt.
Insgesamt ist es wohl eher wichtig wie man die Medien nutzt und die durch sie gegebenen Möglichkeiten umsetzt.

Ich persönlich bin ein großer Fan von Power Point und mache fast alle Präsentationen mittels dieses Mediums. Trotzdem wird zwischendurch auch mal eine Karte benutzt, oder eine Folie aufgelegt. Das kann auflockern und die Aufmerksamkeit erneut wecken.
Ich habe schlechte und auch gute Vorträge in jedem Medium gesehen. Ich denke es wird eher darauf hinauslaufen die Vorteile und Nachteile der einzelnen Medien aufzuzeigen, anstatt eine klare Entscheidung für eines zu treffen.
Denn versauen kann man es definitiv mit allen und es gibt auf der Gegenseite genug Beispiele dafür, dass ein Professor nur mit einem Mikro mehr Spannung und Interesse in einen Vortrag zaubern konnte, als alle momentane Technik zusammen es machbar gemacht hätte.

Mein Fazit: Alles möglich, nur gewusst wie! :)
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Beitragvon userdirk » Dienstag 14. Dezember 2004, 23:01

Domingo hat geschrieben:Mein Fazit: Alles möglich, nur gewusst wie! :)


Yep!

Grundsätzlich wird die Zahl der Präsentations-Optionen wachsen und der Werkzeugkasten der Lehrenden füllt sich weiter.

Alleine die Verwendung eines Laptop/PC am Beamer bietet großartige Möglichkeiten über ppt hinaus. z.B. sind Präsentationen im Mindmap Format denkbar, Filme, Fotos, Ton, GIS Anwendungen usw. .

Gleichzeitig sind digitale Aufzeichnungen für Lehrende besser archivierbar, schneller erweiterbar und können per Internet mit den Lernenden ausgestauscht werden.


Wie oben schon erwähnt ist die Verknüpfung von technischem - und didaktischem Fortschritt eine ganz eigene Herausforderung. Ein pauschales Daumen hoch / runter für eine Lehr-/Präsentationsmethode ist meiner Meinung nach nicht angemessen.

Dirk
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Beitragvon MisterX » Mittwoch 15. Dezember 2004, 16:28

An die beiden Vor"redner": natürlich habt ihr Recht mit der Feststellung, dass es nicht einen einzigen besten Weg gibt, und dass auf Seiten der Zuhörer die Ansprüche unterschiedlich sind. (Ich wollte die abschließende Frage zu meiner ersten Meldung nicht allzu wörtlich verstanden wissen, zumal ich ja angedeutet habe, dass nicht nur das gewählte Medium entscheidend ist.)
Trotzdem ist - ungeachtet der verschiedenen Ansprüche der Zuhörer! - die Frage nach Medienwahl und -einsatz aus verschiedenen Gründen nicht ganz trivial:
Wer soll denn entscheiden was der richtige Weg ist?!

- Der Vortragende/Dozent/Seminarleiter muss sich für jeden Vortrag/Vorlesung/Seminar mit der Frage nach dem Medieneinsatz auseinandersetzen! Er muss (aus seiner Perspektive) entscheiden, welches der beste Weg ist, seinen "Stoff" an den Mann zu bringen.

- Die Medien sind aufgrund unterschiedlicher Eigenschaften nicht uneingeschränkt substituierbar.

- Lehrveranstaltungen und -veranstaltungstypen unterscheiden sich. Was in einer Vorlesung brauchbar ist, muss im Seminar noch lange nicht gut sein. In einem Seminar, das auf Kommunikation und Diskussion baut, halte ich ppt für kaum geeignet, da meist unflexibler einsetzbar als Folien und/oder Tafel.
Ich halte es allerdings für nicht verständlich, dass im Grundstudium andere Medien bevorzugt werden sollten als im Hauptstudium (wie Glimmerschiefer anregt). Leuchtet mir auch aus Perspektive des Studierenden überhaupt nicht ein.

- Nicht jeder Vortragende kann gleich gut mit den verschiedenen Medien umgehen. Wer eine miese Schrift hat und schlecht zeichnen kann, ist nicht unbedingt gut beraten, überwiegend mit der Tafel zu arbeiten, wenn er andere Medien verfügbar hat, mit denen er sein Ziel erreichen kann.

- Technische Möglichkeiten verlocken dazu, sie auszureizen - und das passiert dann bisweilen in gnadenloser Konsequenz. Man denke nur an die vielfältigen Möglichkeiten der Animation von ppt-Präsentationen. Der Einsatz von Technik kann dann (für den Anwender) schnell zum Selbstzweck werden.

- Der Einsatz technischer Mittel kann die Rezipienten verwöhnen (und er tut es). Auch hier die Gefahr: Das Äußerliche wird (von den Zuhörern) teilweise als wichtiger empfunden als der Inhalt, der Einsatz von Technik wird zum Selbstzweck.

- Der Einsatz technischer Mittel kann die Zuhörer fesseln, aber auch ablenken.

- Die Unterscheidung der Zuhörer in "visuelle Typen" und "auditive Typen" ist m.E. nur bedingt sinnvoll. Ich halte jeden Zuhörer (sofern nicht blind oder taub) für einen "audio-visuellen" Typen. Es ist (meines Wissens) unstrittig, dass die Aufnahme und das Behalten von Information (und darum geht es ja auch - nicht nur darum, dass ein Vortrag als fesselnd und interessant empfunden wird, sondern dass möglichst viel des Inhalts möglichst lange behalten wird!) deutlich (!!!) verbessert wird, wenn die verbal vermittelte Information um (natürlich korrespondierende) visuelle Information ergänzt wird.
Ein Dozent sollte deshalb meiner Meinung nach auf keinen Fall eine Substitution der Qualitäten von "Rede" und "Visualisierung" in Erwägung ziehen - er sollte versuchen, beides so gut wie möglich zu machen - unabhängig davon, ob eventuell einige Zuhörer auf das "technische Beiwerk" verzichten könnten.
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Beitragvon glimmerschiefer » Donnerstag 16. Dezember 2004, 13:50

MisterX hat geschrieben:Und die Probleme, die bei schlechten Tafelbildern entstehen? Oder dadurch, dass das einmal Weggewischte einfach weg ist?

das weggewischte ist doch aber erst dann weg, wenn es ausführlich diskutiert und (bei nicht allzu faulen studenten) auch im hefter drin steht.

MisterX hat geschrieben:die eigenen Mitschriften, die auf Tafelbildern basieren, können u.U. viel schlimmere Kritzeleien werden.

sicher reichen die eigenen schmierereien selten an das original heran. aber ich persönlich konnte mich bis jetzt immer recht gut mit meinen aufzeichnungen identifizieren, sie auch nach jahren noch verstehen. und das obwohl ich kein ausgewiesener feinmotoriker bin.

MisterX hat geschrieben:Und während es in den "alten Zeiten" normal war, die Mitschriften eigenverantwortlich anzulegen, ist es, seit Folien oder ppt-Präsentationen Standard sind, auch bei einer ganzen Reihe von Studenten "Standard" geworden, Kopien der Folien/der ppt-Präsentation zu erbitten, um das "Mitkritzeln" zu erleichtern.

das ist ja eben das problem, welches ich meine. studenten, die von vorn herein in der "kinovorstellung" sitzen und noch dazu das kopierte bildmaterial über oder unter der zeitung auf dem schoß liegen haben sehen doch erst recht keinen anlass mehr, sich auf das vorgezeigte und erläuterte zu konzentrieren und ich wage zu bezweifeln, ob sie dann auch noch den stift in die hand nehmen (es sei denn zum ausfüllen der kreuzworträtsel in der zeitung :) ).

meiner meinung nach sollte man schon differenzieren zwischen grund- und hauptstudium. zumindest aber finde ich es unangebracht, im ersten semester mit dem - bis dahin für viele unbekannten - medium ppt loszulegen. es ist doch verständlich, dass die studenten noch gar nicht alle nachvollziehen können, wie sie mit dem neuen informationsfluss umgehen sollen, um wirklich die großen vorteile einer folienpräsentation nicht ins gegenteil zu verkehren.
ich selbst war als schüler stets den frontalunterricht gewohnt, auf die interaktion von lehrendem und lernendem eingestellt (ein fragendes gesicht eines schülers fiel der lehrperson auf und er/sie konnte darauf reagieren). nun kann man nicht von einem dozenten ähnliches erwarten. aber studienanfänger kann man doch nicht mit leuten aus dem hauptstudium gleichsetzen, die gelernt haben, sich auf den geänderten informationstransfer einzustellen.
wenn ich also in meiner ersten vorlesung etwas über die leinwand flimmern sehe und den dort flimmernden text schon in gedruckter form auf dem papier habe, so sage ich mir doch: gut, ich kann mich ja entspannt zurück lehnen. zur klausur lerne ich fix das alles hier auswendig und fertig. somit bekomme ich jedoch gar nicht die zusammenhänge der vorlesung mit. wenn ich mir hingegen alles selbst erarbeiten, sprich ab- und aufschreiben muss, dann behalte ich doch einen großen teil davon direkt im kopf und kann erinnerungen und beziehungen knüpfen und muss nicht erst eine woche vor der klausur in den losen blättern rumsuchen.
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Beitragvon MisterX » Donnerstag 16. Dezember 2004, 18:45

das weggewischte ist doch aber erst dann weg, wenn es ausführlich diskutiert und (bei nicht allzu faulen studenten) auch im hefter drin steht.

Man sollte hier nicht vom idealen, sondern vom realistischen Fall ausgehen! (a) Das Weggewischte ist dann weg, wenn es weggewischt wurde! Nicht immer ist alles vorher "ausführlich diskutiert" worden, nicht immer haben alle alles abgeschrieben. In Vorlesungen wird i.d.R. gar nicht diskutiert. (b) Es gibt in manchen Hörsälen und Seminarräumen so kleine Tafeln, dass man bisweilen schon während der Entwicklung ein- und desselben Schaubildes wieder neuen Platz freiwischen muss. (c) Mag sein (und sollte sein), dass vor dem Wegwischen die Studenten alles mitgeschrieben haben. Das ist aber, wenn ich als Dozent eine best. Sache visualisieren will, ohne Belang - von Bedeutung ist für mich dann, ob ich es visualisieren kann oder nicht! Ich will es zeigen können und nicht auf das verweisen, was im Heft steht.
Ein Charakteristikum des Mediums "Tafel" ist es nun mal, dass das Gezeigte nicht (oder nur mit größerem Aufwand) reproduzierbar ist. Und ein weiteres (u.U. nachteiliges) Merkmal ist, dass ein Tafelbild i.d.R. "vor Ort" entwickelt werden muss (bestenfalls einen Teil kann man vor der Veranstaltung schon an die Tafel schreiben/zeichnen) - damit kann der Zeitaufwand für die Tafelnutzung relativ hoch sein, und der Schreiber/Zeichner steht u.U. viel mit dem Rücken zu den Zuhörern.
(allerdings: Je nach Situation kann eine best. Eigenschaft ein Nachteil oder ein Vorteil sein!!)


sicher reichen die eigenen schmierereien selten an das original heran ....

Du hast mich missverstanden. Aus deinem ersten Beitrag meine ich herauszuhören, dass du Mitschriften, die auf Tafelbildern basieren, für besser hältst als Mitschriften, die - begleitend zu (ich nehme an, du meinst ppt-gestützten) "Bilderfluten" - in Scripten o.ä. gemacht werden (da sprichst du nämlich von einem "mehr schlecht als recht Mitkritzeln"). Und das kann ich genausowenig nachvollziehen wie die implizite Annahme, dass Scripten und nicht-Tafelbild-gebundene Präsentationen zusammengehören und nicht-Tafelbild-gebundene Präsentationen mit Bilderflut gleichzusetzen sind. Wenn du mit Scripten schlechtere Mitschriften machen kannst, würde ich dir raten: Leg das Script weg und mach Mitschriften auf weißem Papier!
Oder geht es dir um etwas anderes - nämlich die Geschwindigkeit ? Dann muss ich allerdings nochmal darauf verweisen, dass die pauschale Verknüpfung best. Medien mit (negativ-)Eigenschaften wie "Bilderflut", "zu schnell" m.E. nicht statthaft ist. Es stimmt - die Gefahr, bei der Nutzung best. Medien "Unsinn" zu machen, ist groß. ppt-Präsentationen können überfrachtet werden und damit die Zuhörer überfordern, während ein gemütlich gemaltes Tafelbild schon allein wegen der Erstellungszeit bisweilen mehr "Luft" lässt. Aber das hängt vom Nutzer des jew. Mediums ab! Man kann mit ppt wunderbare Präsentationen machen, die die Zuhörer nicht überfordert, sondern sie bei der Informationsaufnahme unterstützt, und man kann mit Tafelbildern die Zuhörer/Mitschreiber gnadenlos überfordern (ich hatte mal einen Biologielehrer, der hat auf einer einfachen Schultafel "Bilderflut" gemacht - Stunde für Stunde).



das ist ja eben das problem, welches ich meine. studenten, die von vorn herein in der "kinovorstellung" sitzen und noch dazu das kopierte bildmaterial über oder unter der zeitung auf dem schoß liegen haben sehen doch erst recht keinen anlass mehr, sich auf das vorgezeigte und erläuterte zu konzentrieren und ich wage zu bezweifeln, ob sie dann auch noch den stift in die hand nehmen (es sei denn zum ausfüllen der kreuzworträtsel in der zeitung ).


Das ist aber doch nicht das Problem eines best. Visualisierungs-Mediums, sondern der Studenten (evtl. auch des Scripts und des Script-Erstellers). Meine Erfahrung ist die, dass Studenten die Scripten vielfach geradezu einfordern - man braucht ggf. weniger mitzuschreiben und kann sich gerade deshalb besser auf den Vortrag konzentrieren.
Wer mit Scripten nicht arbeiten kann, darf sie beiseite legen! Wer in der Vorlesung Zeitung liest und Kreuzworträtsel löst, ist selber Schuld. Wer eine Lehrveranstaltung, in der Medien zur besseren Verdeutlichung eingesetzt werden, als Kinovorstellung betrachtet, hat noch nicht verstanden, worum es im Studium geht.



wenn ich also in meiner ersten vorlesung etwas über die leinwand flimmern sehe ... ich kann mich ja entspannt zurück lehnen. zur klausur lerne ich fix das alles hier auswendig und fertig. ... und muss nicht erst eine woche vor der klausur in den losen blättern rumsuchen.
Vorab: Wenn die EDV-Anlage ok ist, flimmert eine Präsentation nicht. Was du in deiner Argumentation z.T. machst, wird umgangssprachlich bisweilen als "etwas schlechtreden" bezeichnet.

Auch hier liegt das Problem m.E. nicht bei dem genutzten Medium, sondern - wie du sagst - bei Unterrichtsformen und "studentischen Freiheiten", mit denen ein Student erst mal klar kommen muss: (a) Vorlesung: Frontalunterricht pur, kein oder kaum Gespräch mit den Zuhörern, (b) die Teilnehmer von Lehrveranstaltunen können sich, anders als in der Schule, der Veranstaltung, der Mitarbeit, dem Mitdenken und der kontinuierlichen Aufarbeitung der Inhalte entziehen und müssen erst am Ende des Semesters (Klausur) oder noch später (im Vordiplom oder Diplom ) Rechenschaft über ihr Wissen ablegen. Kontinuierliche Leistungskontrolle, wie es sie in der Schule gibt, fehlt weitgehend.
Natürlich muss man sich daran gewöhnen - vor allem auch daran, die nötige Disziplin an den Tag zu legen! Auch wenn man berücksichtigt, dass ein 1.-Semester-Student neu an der Uni ist, und dass ein 18-20jähriger in seiner intellektuellen Entwicklung noch nicht "völlig fertig" ist: Ein Studierneuling ist i.d.R. mind. 18 Jahre alt, und er hat i.d.R. mind 12 Jahre Schule (mit Lernen, Klausurenschreiben, Prüfungen ablegen, Erfolge und Misserfolge haben ...) hinter sich. Er sollte eigentlich das intellektuelle Rüstzeug haben, um die Bedeutung des Lernens zu begreifen (oder begriffen zu haben). Und meine Erfahrung ist die: Ein gar nicht so kleiner Teil der Studenten begreift das sehr schnell - und liest in der Vorlesung nicht Zeitung und greift auch ausserhalb der Lehrveranstaltung mal zu einem Buch. Wenn ein Student sich dazu verleiten lässt, sich entspannt zurückzulehnen und zu glauben, auswendig lernen kurz vor der Klausur wäre ok, dann muss er sich dies m.E. in erster Linie selbst ankreiden, und nicht den Dozenten, und schon gar nicht einem bestimmten Visualisierungs-Medium.
Noch mal: Wenn du mit Scripten nicht lernen kannst: Schmeiss sie doch weg, verschenk sie oder kauf sie gar nicht erst! Wenn du mit losen Blättern nicht klar kommst, hefte sie geordnet zusammen!

Ich muss aber zugeben: Ich sehe auch die Gefahr, Studenten mit Scripten o.ä. zu sehr zu "verwöhnen" und dazu beizutragen, dass sie nicht mit Büchern arbeiten. Ich habe deshalb auch ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Verfügbarmachen von komprimierten Lernhilfen. Trotzdem sehe ich die Studenten als Erwachsene, die sich über den Sinn und Unsinn ihres Lernverhaltens Gedanken machen können und müssen.

meiner meinung nach sollte man schon differenzieren zwischen grund- und hauptstudium. zumindest aber finde ich es unangebracht, im ersten semester mit dem - bis dahin für viele unbekannten - medium ppt loszulegen.... aber studienanfänger kann man doch nicht mit leuten aus dem hauptstudium gleichsetzen, die gelernt haben, sich auf den geänderten informationstransfer einzustellen. ...

Noch mal zu dem Medium: Selbst wenn ein 1.Sem.-Student zuvor noch keine ppt-Präsentation gesehen haben sollte: Kann man nicht in Betracht ziehen, dass (von wenigen,wenigen Ausnahmen abgesehen) die entsprechenden Personen in einer hochtechnisierten Welt groß geworden sind, in denen die Informationsvermittlung über z.B. Fernseher eine völlige Normalität ist? Ich brauche doch nicht zu befürchten, dass ein Student verwirrt ist, wenn etwas an die Wand projiziert wird und sich ein Bild vielleicht auch noch bewegt. Oder?

Zum "sich auf den geänderten Informationstransfer einstellen": Je früher ich die Studenten an neue Methoden gewöhne, desto besser (sofern die Methoden gut sind). Sonst stehe ich ja selbst bei 8.-Semestern vor dem gleichen Problem: Das haben die noch nicht gehabt, das kann ich denen also noch nicht zumuten.
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Beitragvon Arno » Donnerstag 16. Dezember 2004, 21:01

Sosehr ich mit fast allem übereinstimme, was MisterX ausführt, belegt die Diskussion doch, dass er in einem Unrecht hat:
Die Unterscheidung der Zuhörer in "visuelle Typen" und "auditive Typen" ist m.E. nur bedingt sinnvoll.
Denn Glimmerschiefer ist ganz offenbar ein motorischer Lerntyp. Dieser Lerntyp war in den klassischen, technisch limitierten Vorlesungen im Vorteil, hat sich damit besser profilieren können, und ist deshalb (ich überspitze dramatisch :) ) häufiger Professor geworden, weshalb er seine Studenten dann selber wieder abmalen lies.
Das Problem ist nicht nur, dass es verschiedene Lerntypen gibt, und damit eine für alle Hörer geeignete Vorlesung nicht existieren kann. Ebenso wichtig ist, dass es auch verschiedene Lehrtypen gibt, deren Lehrverhalten auf ihrem eigenen Lerntyp basiert. Ich wage zu behaupten, dass nur derjenige das beste aus seiner eigenen Lehrfähigkeit herauskitzeln kann, der seinem Lern- und Lehrtyp angepasst lehrt.
In der wissenschaftlichen Psychologie kaum mehr umstritten ist, dass der optische (zusammen mit Mischtypen) Lerntyp nahezu 80% der typischen Studenten ausmacht. So sehr ich das für Glimmerschiefer bedauere, folgt daraus, dass der Trend zu intensiverer Visualisierung für die meisten Hörer eine Verbesserung bringt.
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Beitragvon Bergpartisan » Donnerstag 16. Dezember 2004, 23:33

Der optische Lerntyp wird aber nicht zwangsläufig an ppt zu binden sein. Auch ein Tafelbild ist dem optischen Lerntyp zugänglich. Das positive an einem (entwickelten) Tafelbild ist, dass man eine Entstehung, einen Prozess, besser im Kopf abspeichern kann, eben weil es über eine gewisse Zeiteinheit vor den eigenen Augen entstand. Bei ppt ist es ja meistens so, dass ein fertiges Bild eingeblendet wird, vielleicht erscheint noch das obligatorische Kringel um den wichtigsten Ausschnitt, und der Student muss dies nun in sich aufnehmen. Aus Rekapitulation meiner Erfahrungen ergibt sich die Einschätzung, dass in einem Tafelbild auch wirklich nur die wichtigsten Fakten für das Verständnis (vor allem Prozessverständnis) beinhaltet. Die Frage (besonders im Grundstudium) sollte sein, wie viel Wissen angeboten werden muss. Dabei muss aber auch bedacht werden, wie viel Wissen nach der Vorlesung tatsächlich hängen bleiben soll.

Ein Vorteil von entwickelten Tafelbildern: man versteht intuitiv, was der Vortragende erklären möchte (aber: es kommt wie fast überall auf den Vortragenden an) und wird nicht vom wesentlichen abgelenkt (es sei denn, die Zeitung auf dem Schoß der Nachbarin/des Nachbarn ist momentbezogen interessanter). Ppt läuft einfach Gefahr, dass dem Studenten wichtige Denkarbeit abgenommen wird. Das Thema Reizüberflutung sollte nicht außer Acht gelassen werden. Eine Zeichnung kann oft besser auf das wesentliche konzentrieren als dies (meist) ein Photo kann. Bei ppt erinnert man sich eher an den Effekt und nicht an den tatsächlichen Inhalt. In der Vergangenheit (ohne digitale Bilder) wurden nicht ohne Grund Methoden entwickelt, wesentliche Dinge zu visualisieren.
Vielleicht noch ein Beispiel zum Boden, wer kann im Grundstudium anhand der Farben eines Photos zweifelsohne ein Bodenprofil in seine Bestandteile zerlegen und daran die Systematik erkennen. Ist hier nicht eine monochrome Zeichnung besser? Die Farberkennung des Menschen kann man einfach ergründen, indem man zehn verschiedene Personen zur Haarfarbe ein und der selben weitern Person befragt….

Weiterhin sollte auch über Layout vs. Lesbarkeit oder Übersichtlichkeit nachgedacht werden. Die Gefahr, eine ppt Vorlesung als Kinoveranstaltung zu Präsentieren sollte nicht unberücksichtigt bleiben.

Letztendlich ist dies alles sicher auch eine Frage (wie schon angesprochen wurde) des Lehrenden in Bezug mit der Lehrmethode, die er bevorzugt und vor allem beherrscht….. Denn was nützt es dem Lehrendem, wie auch dem Studenten, wenn die Präsentation nicht dem Präsentationskönnen des Lehrenden entspricht.
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Beitragvon MisterX » Freitag 17. Dezember 2004, 00:59

Hallo Arno:
Sosehr ich mit fast allem übereinstimme, was MisterX ausführt, belegt die Diskussion doch, dass er in einem Unrecht hat:
Zitat:
Die Unterscheidung der Zuhörer in "visuelle Typen" und "auditive Typen" ist m.E. nur bedingt sinnvoll.

Ich streite nicht ab, dass es verschiedene "Typen" gibt; nach meinem Wissen führt aber ein Vortrag, der zu Hörendes mit entsprechendem zu Sehendem verbindet, i.d.R. zu deutlich besserer Aufnahme der Information und zu deutlich umfangreicherem und längerem Behalten der Information als nur sehen oder nur hören. "I.d.R" impliziert natürlich die Ausnahme von der Regel, aber ich denke, dass man ganz gut beraten ist, sich auf den "Durchschnittstyp" einzustellen, und nicht auf denjenigen, der auf die visuelle "Untermalung" verzichten kann. (Der kann ja die Augen zumachen ;) oder sich auf sein Blatt mit den Mitschriften konzentrieren.)


Hallo Bergpartisan:
Der optische Lerntyp wird aber nicht zwangsläufig an ppt zu binden sein. Auch ein Tafelbild ist dem optischen Lerntyp zugänglich.

Klar! Ich rede auch nicht bedingungslos der ppt-Präsentation das Wort. Wie gesagt: Es kommt auf das Ziel an, es kommt darauf an, wofür das jeweilige Medium geeignet ist, es kommt darauf an, wie gut die Lehrperson damit umgehen kann.

Das positive an einem (entwickelten) Tafelbild ist, dass man eine Entstehung, einen Prozess, besser im Kopf abspeichern kann, eben weil es über eine gewisse Zeiteinheit vor den eigenen Augen entstand.

Richtig, aber dieses "Entstehenlassen" kann man auch mit anderen Medien machen. Wenn es denn im jeweiligen Fall nötig ist!

Bei ppt ist es ja meistens so, dass ein fertiges Bild eingeblendet wird, vielleicht erscheint noch das obligatorische Kringel um den wichtigsten Ausschnitt, und der Student muss dies nun in sich aufnehmen.

Das liegt nicht an ppt, sondern am Anwender. Davon abgesehen gibt es aber nun auch zahllose Beispiele von "zu zeigenden Dingen", wo eine schrittweise Entwicklung unnötig ist. Und das Aufnehmen von "fertigen" Bildern ist doch auch nicht grundsätzlich eine Zumutung - oder wie wirst du mit Abbildungen in Büchern fertig?

Ein Vorteil von entwickelten Tafelbildern: man versteht intuitiv, was der Vortragende erklären möchte (aber: es kommt wie fast überall auf den Vortragenden an) und wird nicht vom wesentlichen abgelenkt (es sei denn, die Zeitung auf dem Schoß der Nachbarin/des Nachbarn ist momentbezogen interessanter). Ppt läuft einfach Gefahr, dass dem Studenten wichtige Denkarbeit abgenommen wird.

Bei beidem Medien kommt es darauf an, wie sie eingesetzt werden! Man kann besch... Tafelbilder machen, bei denen nix mit intuitiv ist, und man kann mit ppt gute Schaubilder, Abbildungen, Stichwortlisten etc. entwickeln (aber natürlich auch schlechte ...).

Bei ppt erinnert man sich eher an den Effekt und nicht an den tatsächlichen Inhalt.

Ja - große Gefahr durch z.B. übermäßig "verspielte" Animationen. Muss aber nicht sein.
Eine Zeichnung kann oft besser auf das wesentliche konzentrieren als dies (meist) ein Photo kann. ... Vielleicht noch ein Beispiel zum Boden, wer kann im Grundstudium anhand der Farben eines Photos zweifelsohne ein Bodenprofil in seine Bestandteile zerlegen und daran die Systematik erkennen. Ist hier nicht eine monochrome Zeichnung besser?

"ppt = meist Photos" stimmt nicht! Ich hbe in meinen ppt-Präsentationen fast überhaupt keine Photos. Mit ppt kann man wunderbar monochrome Zeichnungen zeigen, aber eben auch bunte Abbildungen oder Photos, wo es angebracht ist. Und was wäre gerade die phys. Geographie ohne Photos??? Wer Bodenprofile (Schichtstufen, glazialen Formenschatz ...) nur durch auf das Wesentliche konzentrierte s/w-Zeichnungen kennenlernt, versäumt einiges ... Gilt natürlich auch für viele Bereiche der Humangeographie.

Die Frage (besonders im Grundstudium) sollte sein, wie viel Wissen angeboten werden muss.

Anderes Thema zwar, aber: Ja (bzw. fast ja: Das ist nicht "die" Frage, aber eine ganz wichtige)! Schwer zu beantworten. Klingt jetzt vielleicht überheblich, aber die Beantwortung dieser Frage muss meiner Meinung nach eher den Lehrpersonen als den Studenten überlassen bleiben - zumindest in der Phase des Studiums, in der die Grundlagen gelegt werden (also Grundstudium).

Dabei muss aber auch bedacht werden, wie viel Wissen nach der Vorlesung tatsächlich hängen bleiben soll.

Meine Meinung: So viel wie möglich! Und nicht nur das: Es wird ja durchaus erwartet, dass die Unterrichtsinhalte im Selbststudium nicht nur wiederholt, sondern möglichst noch erweitert und vertieft werden. Je mehr man aus der Lehrveranstaltung mitnimmt, desto besser kann man darauf aufbauen.
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