Artikel auf Spiegel-Online: Jobs in der Reisebranche

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Artikel auf Spiegel-Online: Jobs in der Reisebranche

Beitragvon Starwriter » Dienstag 8. August 2006, 14:36

OBS IN DER REISEBRANCHE

Das Palmen-Diplom

Von Xenia von Polier

Lange waren Uni-Absolventen in der Tourismusbranche eher verpönt. Jetzt wird der Urlaub akademisch - bei Veranstaltern sind studierte Reiseprofis gefragt. Um fremde Kulturen und Länder geht es im Studium allerdings nur am Rande.

Ann Marisa Freese hatte einen Traum: Sie träumte von fremden Ländern, faszinierenden Kulturen und Kontakt mit Menschen rund um den Globus. "Ich wollte dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, und hatte Lust, Neues zu entdecken", sagt sie. Gleich nach der Schule war der 24-Jährigen klar, dass sie Tourismus studieren wollte. Nichts anderes kam in Frage. In München bewarb sie sich an der staatlichen Fachhochschule für den Diplomstudiengang "Tourismus-Management".

Ähnlich ging es auch Philippa Heyden, 22. Seit sie als Schülerin in einem Hotel gejobbt hatte, wusste sie, dass sie später in dieser Branche arbeiten wollte. Sie entschied sich für das Touristikstudium an der privaten Heidelberg International Business Academy. Ihre Hoffnung, dort "gute Professoren und einen geregelten Studienablauf in kleinen Klassen" vorzufinden, hat sich erfüllt.

Beide Studentinnen zielen auf ein Berufsfeld, das in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft arbeiten in Deutschland etwa 2,8 Millionen Menschen in der Branche, Tendenz steigend. Jobs gibt es bei Reiseveranstaltern, Fluggesellschaften, Freizeit- und Nationalparks, Kongress- und Messeveranstaltern sowie in Beratungsunternehmen, Kurbädern, Fremdenverkehrsämtern oder Hotels und Gaststätten.

Hochschulen haben auf Arbeitsmarkt reagiert

Allerdings lag bisher die Rate an Akademikern in der Ferienindustrie bei lediglich 2,5 Prozent, während der Anteil über alle Wirtschaftszweige verteilt 11 Prozent erreicht. Ein Grund für diese magere Quote ist vermutlich, dass die Branche bislang über wenig akademische Tradition verfügte und nur die praktische Erfahrung etwas galt. Doch nach Untersuchungen der Willy-Scharnow-Stiftung für Touristik werden sich schon in naher Zukunft die Chancen für Hochschulabsolventen spürbar verbessern. Vor allem für das mittlere und höhere Management wird in den wachsenden Tourismuskonzernen eine immer bessere Qualifikation mit fundierten betriebswirtschaftlichen Kenntnissen verlangt.

Darauf hat sich inzwischen auch der Ausbildungsmarkt eingestellt. Immer mehr Universitäten, private und öffentliche Fachhochschulen sowie Berufsakademien bieten verschiedene Studiengänge an: Die Palette reicht von den Bachelor- und Masterstudiengängen in "Tourismus-Management" über "Nachhaltigen Tourismus" bis hin zu "Gesundheitsmanagement im Tourismus". An den Universitäten heißen die Studiengänge "BWL mit Schwerpunkt Tourismus", "Fremdenverkehrsgeografie" oder neuerdings "Tourismusgeografie". Meistens sind die Studiengänge in die Fachbereiche Wirtschaftswissenschaften, Geografie oder Kulturwissenschaften eingegliedert und unterscheiden sich entsprechend.

Frank Meier gehört zu den Studenten, die sich von der altmodischen Fachbezeichnung "Fremdenverkehrsgeografie" nicht abschrecken ließen. Er studiert an der Uni Trier. Inzwischen wurde das Fach umgetauft in "Freizeit- und Tourismusgeografie", doch die Inhalte sind dieselben: "Neben der kompletten Bandbreite an Grundlagengeografie, die sich durch das ganze Studium zieht, lernen wir praxisnah unterschiedliche Tourismusbereiche kennen", sagt der 27-Jährige. Verschiedene Exkursionen, beispielsweise zur Zugspitze und nach Istanbul, hat er schon hinter sich; er hat einen Reiseführer für Trier geschrieben sowie Studien zur Standortwahl von Hotels oder zum Marketing in der Mountainbike-Szene erstellt.

Grundlagen der immer wichtiger werdenden Online-Vermarktung gehören gleichermaßen zum Programm wie Empirie, Statistik und BWL-Prüfungen. Böse Zungen lästern: "Die Geos machen viel, aber nichts richtig." Frank Meier sieht sich zwar durch das weitgefächerte Studium für die vielfältigen Anforderungen in der Tourismusbranche gewappnet. Dennoch gibt er zu, dass ihm so fundierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse, wie sie ein BWLer mit Schwerpunkt Tourismus erwirbt, fehlen.

Urlaubs-Flair nur bei Praktika im sonnigen Süden

Erzählt einer von ihnen über sein Tourismusstudium, erkennt man die Unterschiede. Der 25-jährige Sebastian von der Beeck ist an der Uni Rostock im achten Fachsemester für BWL mit Schwerpunkt Tourismus eingeschrieben. Wenn er seine Vorlesungsfächer auflistet, wandelt sich das schillernde Bild des Tourismus schnell in nüchterne Betriebswirtschaft. Der Urlaub selbst spielt eine Nebenrolle. "Im Grundstudium lernen wir ausschließlich BWL. Erst im Hauptstudium können wir Tourismuswirtschaft als Spezialisierungsfach wählen", sagt Sebastian. Die Vorlesungsthemen heißen entsprechend "Touristische Nachfrage" oder "Betriebswirtschaftliche Fragestellungen der Hotellerie und Gastronomie".

"Der Traum vom Reisen, fremde Kulturen und Länder zu studieren, wird einem sehr schnell genommen", meint auch Ann Marisa Freese über ihren Studiengang. "Es ist vor allem ein Studium, bei dem sehr intensiv die wirtschaftlichen Aspekte des Reisens behandelt werden. Auf diese Weise werden wir für Managementpositionen ausgebildet." Im Mittelpunkt steht deshalb auch an zahlreichen Fachhochschulen die Ökonomie. Großer Wert wird auf eine gute Fremdsprachenausbildung gelegt. Zwei Sprachen sind an vielen Fachhochschulen Pflicht. Ann Marisa belegt Englisch-, Französisch- und Spanischkurse.

Obwohl Praktika meistens auch im Inland absolviert werden können, zieht es viele Tourismusstudenten natürlich in die Ferne. Im sonnigen Süden gewinnt das Studium wieder das Flair der Urlaubswelt. Ann Marisa ging für sechs Monate nach Sevilla und arbeitete in einer Incentive-Agentur, die für Firmenkunden Marketingreisen organisiert und begleitet. "Ein Highlight war die Betreuung der Präsentation von Reeboks neuer Modekollektion in Marbella mit einer anschließenden Jeep-Rallye durch Andalusien", sagt sie.

Philippa Heyden hingegen konzentrierte sich mehr auf die ökonomischen Aspekte und absolvierte ihr Praktikum bei einem Wirtschaftsprüfer in Madrid. Und Frank Meier begleitete während seines Praktikums bei RUF-Jugendreisen Teenie-Gruppen nach Mallorca und an die Costa Brava. Jetzt arbeitet er zusätzlich zwei Monate in Italien und sammelt in der Ferienregion Apulien Berufserfahrungen in einem Hotel. Ein angenehmer Nebeneffekt: Während sich andere Studenten fast schon rechtfertigen müssen, wenn sie für Sprachkurse und Praktika ausgerechnet in beliebte Ferienregionen reisen, arbeiten Tourismusstudenten auch dort zielstrebig für ihren Lebenslauf.
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