Sterberate in Brasilien zwischen 2002 und 2003

Von Alaska bis nach Feuerland. Von New York bis nach Lima. Wenn es speziell um den amerikanischen Kontinent geht, ist man hier genau richtig.

Sterberate in Brasilien zwischen 2002 und 2003

Beitragvon Kassiopeia » Donnerstag 12. Februar 2009, 21:32

Hallo!

Ich untersuche das Bevölkerungswachstums Brasiliens und mir ist aufgefallen, dass die Sterberate zwischen 2002 und 2003 von 9 auf nahezu 6/1000Menschen im Jahr abfällt. Davor und danach stagniert die Rate jeweils.

Ein Diagramm könnt ihr hier finden:
http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=br&v=26&l=de

Gab es irgenein Ereignis im Jahr 2002 was dies hervorrief? Medizinische Neuerungen oder etwas in wirtschaftlicher Hinsicht?? Ich kann es mir selbst nicht erklären. Danke für eure Hilfe!!!
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Beitragvon NeoXtrim » Donnerstag 12. Februar 2009, 21:59

puuh das ist natürlich sehr schwierig... hab leider kein weiteres datenmaterial gefunden bspw. ein 2. diagramm

es kann entweder daran liegen, dass methodisch vielleicht eine änderung vorgenommen wurde (begriffsdefinition von mortalität)

verbesserte hygiene und medizinische behandlung oder verbesserter trinkwasserzugang können weiterhin solche dinge beeinflussen (bspw. staatliche verordnung), allerdings ist brasilien ziemlich groß und heterogen, sodass es eigtl unwahrscheinlich ist, dass die mortalität um 1/3 zurückgegangen ist

auch das durchquälen durch die portugiesische wikipedia hat mir keine erklärung gegeben

http://pt.wikipedia.org/wiki/Demografia ... ortalidade
http://pt.wikipedia.org/wiki/Brasil#Demografia
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Beitragvon Kassiopeia » Donnerstag 12. Februar 2009, 23:53

Hey schaut mal! ich hab da was interessantes entdeckt!!!

http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=br&v=37&l=de

Die Zahl der Aids-Toten ist also deutlich gefallen. Woran lag das???

Bereits seit den 80ern arbeitet die brasilianische Regierung eifrig an einem Aids-Bekämpfungs, welches durchaus erfolgreich ist. Da die Medikamente für Aids-Erkrankte aus dem Ausland jedoch so teuer waren, beschlossen die Brasilianer Nelfinavir (ein Medikament zur Therapie von Aids) selbst herzustellen, woraufhin sie sich eine Klage von mehreren Pharmakonzernen weltweit wegen Patentsrechtsverletzung selbst aufhalsten. Die Diagnose und die Therapie mit dem selbsthergestellten Medikamenten wurde gebührenfrei für jeden Brasilianer zur Verfügung gestellt. Die Klage wurde fallen gelassen.
( Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Brasilien#Gesundheit
http://www.zeit.de/2003/36/Brasilien_Aids?page=1

Ich denke, dass das eins der Hauptkriterien war, warum die Sterberate um 1/3 gesunken ist.

Bitte enthaltet mir jedoch andere Gründe nicht vor. Wenn ihr noch genaueres über dieses Aids-Programm wisst und warum es mittlerweile wieder stagniert (http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=br&v=37&l=de) schreibt bitte!

Danke!!
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Beitragvon geogräfin » Samstag 14. Februar 2009, 16:25

Ich mag an einen solch abrupten Rückgang der Sterblichkeit von einem auf das nächste Jahr in Folge eines Gesundheitsprogramms kaum glauben - es sei denn, vorher wäre die Sterblichkeit in Folge eines außergewöhnlichen Ereignisses (Epidemie o.ä.) abrupt gestiegen und nach einiger Zeit wieder auf ihr vorheriges "normales" Niveau zurückgegangen. In der Statistik, auf die hier verwiesen wird, werden nur 3 Jahre mit höherer Mortalität angegeben (2000-2002), da sollte man nicht ohne weiteres in die Vergangenheit extrapolieren, dass bis dahin die Werte auch so hoch gewesen seien.

Davon abgesehen ist die Entwicklung der rohen Sterberate auch abhängig von der Entwicklung der Altersstruktur; die sollte man, wenn man über mögliche plötzliche Änderungen der Rate nachdenkt, ggf. auch betrachten.

Ich vermute hier allerdings eher eine Unzuverlässigkeit der Datengrundlage - in anderen Datenquellen werden plausiblere Werte angegeben. Schau zum Beispiel mal beim International Census Bureau auf dieser Seite:
http://www.census.gov/ipc/www/idb/tables.html
(unten bei "Select one table:" den 2. Punkt anwählen, "absenden", bei "Select one or more countries (see above for predefined regions):" Brazil wählen, beim nächsten "all available years" und "go" - da sieht die Entwicklung der rohen Stereraten etwas "geschmeidiger" aus.
Auch die Werte, die bei der UN abgefragt werden können
http://data.un.org/Data.aspx?q=brazil+death+rate&d=SOWC&f=inID%3a91%3bcrID%3a230
sowie beim Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística
http://www.ibge.gov.br/series_estatisticas/exibedados.php?idnivel=BR&idserie=POP261
weisen nicht auf die sprunghafte Veränderung hin, die in den CIA World Factbook-Daten zum Ausdruck kommen.

Auch wenn der Rückgang der Zahl der AIDS-Toten (gemäß der CIA World Factbook-Daten) gerade von 2002-2003 beträchtlich ist, kann diese Entwicklung auf keinen Fall für einen Rückgang der rohen Sterberate von 9 auf 6 verantwortlich sein (abgesehen davon, dass nach dieser Statistik die Zahl ab 2004 schon wieder deutlich höher lag). Im Jahr 2002 gab es gemäß der CIA World Factbook-Daten 18.000 AIDS-Tote, 2003 gut 8.000 - bei einer Gesamtbevölkerung von 176 Mio im Jahr 2002 und 182 Mio ein Jahr später. Der Rückgang der AIDS-Mortalität in der angegebenen Höhe macht sich bei der rohen Sterberate (Gestorbene je 1.000 der Bev.) bestenfalls in der 2. Nachkommastelle bemerkbar!

Wenn man die verschiedenen Datenquellen vergleicht, stellt man fest, dass es selbst bei den grundlegenden "Eckdaten" (wie z.B. Gesamtbevölkerungszahl) Abweichungen gibt. Die Statistiken mancher Länder sind nicht so genau wie bei uns. Deshalb beinhalten die Daten oft Ungenauigkeiten oder (z.T. explizit als solche ausgewiesen) Schätzungen. Das muss man auch berücksichtigen - deshalb würde ich immer mehrere Quellen konsultieren.
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Beitragvon geogräfin » Samstag 14. Februar 2009, 18:48

noch was:
es kann entweder daran liegen, dass methodisch vielleicht eine änderung vorgenommen wurde (begriffsdefinition von mortalität)

Das dürft kaum der Grund sein, denn so viel gibt es da nicht an der Definition zu ändern. Selbst wenn das gängige Kriterium zur Feststellung des Todes geändert werden sollte, kann dies kaum dazu führen, dass plötzlich ca. 1/3 weniger Todesfälle eintreten (es sei denn, man hätte bisher völlig unsinnige Kriterien wie Plattfüße, Altersdemenz oder künstliches Gebiss als Kriterium für "tot" genommen ...). Außerdem würde eine Neudefinition bestenfalls dazu führen, dass vorübergehen die Zahl der Sterbefälle in der Statistik zurückgeht; wenn diejenigen, die nach alter Definition bereits als tot, nach neuer aber noch als lebend gelten, dann tatsächlich (nach neuer Definition) tot sind, würde die Zahl der Todesfälle wieder hochgehen und damit auch die rohe Sterberate.

Wäre (mal angenommen) eine Neudefinition z.B. im Sinne von "Herz schlägt nicht mehr selbständig" als bisheriges Todeskriterium zu "Hirntod" als neues Kriterium vorgenommen worden, würde ein Rückgang der Sterberate in der hier diskutierten Höhe in Folge dieser Neudefinition implizieren, dass rd. 500.000 Personen (das ist in etwa die Differenz der Zahl der Todesfälle vor und nach dem angeblichen Rückgang der Sterberate um 1/3) dauerhaft künstlich am Leben erhalten würden und nicht hirntod wären - wirklich dauerhaft, denn sonst würde ja die Zahl der Sterbefälle wieder hoch gehen, wenn die nach alter Definition toten, aber nach neuer Definition noch lebenden dann tatsächlich (hirntot) sterben. Ihr Tod wäre ja dann nur (aufgrund der neuen Definition) zeitlich verzögert eingetreten.

Die einzige Stelle, wo eine Neudefinition die Sterbestatistik dauerhaft berühren kann, betrifft m.W. die Säuglingssterblichhkeit - durch die Definition dessen, was als "lebendgeboren" gilt. Wird z.B. definiert, dass die Geburt eines Kindes, das ein best. Mindestgewicht unterschreitet (ist i.d.R. nur bei ausgesprochenen Frühgeburten relevant) und während oder unmittelbar nach der Geburt stirbt, nicht als Lebend-, sondern als Tot- oder Fehlgeburt registriert wird, hat das ja auch einen Einfluss auf die Statistik der Säuglingssterblichkeit. Denn eine Änderung der o.g. Definition (durch eine Änderung der Gewichtsgrenze) kann implizieren, dass der gleiche Fall (Frühgeburt mit äußerst niedrigem Gewicht und Tod unmittelbar nach der Geburt) einmal als Lebendgeburt mit anschließender Säuglingssterblichkeit registriert würde (Mindestgewichtgrenze überschritten), im anderen Fall nicht als lebengeboren gezählt (da Mindestgewicht nicht erreicht), mithin auch nicht als Fall von Säuglingssterblichkeit gezählt.

Aber selbst wenn hier eine Änderung der entsprechenden Definition vorgenommen worden wäre, kann auch das nicht den schlagartigen Rückgang der Zahl der Sterbefälle von rd. 1,5 Mio pro Jahr auf 1 Mio. pro Jahr erklären. Ohne die genaue Sterbestatistik Brasiliens zu kennen, wage ich zu bezweifeln, dass auch nur annähernd so viele Fälle von Geburten im Grenzbereich einer solchen Definition erfolgen bzw. erfolgt sind.
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