Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon Carina » Mittwoch 25. April 2012, 22:25

Hallo zusammen

Ich möchte euch nach einiger Zeit der Abwesenheit wieder einige Fragen stellen, zum Geographiestudium und der Situation auf und um den Arbeitsmarkt, vor allem deshalb, weil ich schon einige lange und informative Beiträge zu diesem Thema hier im Forum gelesen habe. Ich versuche, mich kurz zu fassen, der Beitrag wird aber wahrscheinlich trotzdem lang werden. Ich hoffe, das nervt euch nicht allzu sehr, und bitte um Nachsicht. ;) Weil dieser Beitrag verschiedene Dinge anspricht, setze ich ihn einfach mal hierher.

Ich will euch als erstes meine Situation beschreiben, etwas ausführlicher als in meinem Vorstellungsthema.
Ich gehe in die zweite Klasse eines Gymnasiums („kantonale Maturitätsschule“) im Kanton Baselland, Schweiz. Mein Profil/Schwerpunkt nennt sich „Biologie/Chemie“. Dies bezieht sich vor allem auf die Anzahl der entsprechenden Stunden im Stundenplan und noch einige Details.
Durch eine neue Regelung beginne ich bereits im Juni, d.h. in etwa zwei Monaten mit der Maturarbeit (die „Abschlussarbeit“, die wir neben den Prüfungen schreiben müssen, um die eidg. anerkannte Maturität zu erhalten, die soviel ich weiss etwa dem Abitur entspricht). Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Themenwahl und weil (schon seit einiger Zeit) die Geographie mein bestes Schulfach ist, gehe ich mit meiner Arbeit wahrscheinlich in diese Richtung.

Jedenfalls habe ich über das Studium und eben diese Arbeit ein langes Gespräch geführt mit meinem Geographielehrer. (Darauf komme ich nochmals zurück.)

Eine seiner ersten Fragen war: Lehramt oder nicht?
Ich möchte eher (wenn ich denn wirklich Geographie studieren werde) in einem Unternehmen, einer NGO, in der Forschung/an Projekten oder in der „freien Wirtschaft“ etc. arbeiten. Momentan informiere ich mich über alle „offenen“ Wege und Möglichkeiten.
Weiss jemand von euch, was „anders“ ist am Studium „auf Lehramt“? (über Vor- und Nachteile einer Promotion denke ich wahrscheinlich erst nach, wenn ich soweit bin ;)- oder sollte ich jetzt schon damit beginnen? :-? )
Ich habe das Gefühl, dass ich gern jüngeren Kindern etwas erkläre- aber Gymnasiasten unterrichten?
(Ich denke mir, wenn ich schon unterrichten würde, dann auf Gymnasialstufe, weil man dann mit dem vorausgesetzten Niveau der Schüler „mehr anfangen“ kann- wie seht ihr das?)
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich „gut“ unterrichten könnte.

Ich habe keinen bestimmten „Wunschberuf“ und weiss dementsprechend nicht, wie ich ein allfälliges Geographiestudium ausrichten bzw. wie ich mich spezialisieren sollte. Was mich an der Geographie sehr fasziniert, sind Bereiche wie z.B. Umweltschutz (wo ich mich teilweise jetzt schon in der Freizeit engagiere), Raumplanung (v.a. in der Verkehrs- und Stadtplanung; darüber schreibe ich vlt. eben meine Maturarbeit), Tourismus und Entwicklungshilfe (und natürlich viele Themen, die diese Teilgebiete verbinden ;) ). Tendenziell habe ich das Gefühl, dass ich in der humangeographischen Richtung stärker bin und mich mit ihr stärker auseinandersetze. Reicht das schon aus, um mich in einem allfälligen Studiumm auszurichten und zu spezialiseren?

In Bezug auf die Schulfächer habe ich folgende Probleme:
Ich interessiere mich momentan am stärksten für die Geographie, ich bin aber im Schwerpunktbereich der „klassischen“ Naturwissenschaften Biologie und Chemie.
Mit der Biologie beschäftige ich mich auch in meiner Freizeit, aber „nicht so“ wie in der Schule.
(V.a. in den Bereichen Ornithologie und Entomologie, da sähe ich auch eine „Berufsmöglichkeit“ in Verbindung mit der Biogeographie, in Bezug auf Themen wie Vogelzug oder Verbreitung von Insekten-/Vogelarten durch den Klimawandel, Verschleppung durch den Menschen usw. Ich mache bis im Juni einen Kurs in Feldornithologie und kenne dadurch auch einige Leute z.B. von der Vogelwarte Sempach, deren Arbeit mich auch sehr interessiert.)

Ausser der Geographie sehe ich momentan für mich kein anderes (Schul-) Fach, das ich studieren könnte, sollte es in der Geographie nicht funktionieren.
(Was mich sonst noch interessieren würde, wäre etwas in Richtung Journalismus/Fotographie oder Redaktion, und auch da stelle ich mir die Berufschancen nicht viel bessser in der Geographie vor- täusche ich mich?)
Ich bin ausgerechnet in den Fächern Physik und Mathematik schwach (zumindest von den Noten her), obwohl es mir eigentlich nicht an Interesse an diesen Fächern mangelt. Ich könnte mir natürlich denken, das das immer auch von der Klasse/den Mitstudenten oder den Lehrern/Dozenten abhängig ist und es mir deshalb im Studium dann besser gehen könnte- ich zweifle aber ständig.
Soviel ich weiss, fällt man aus dem Studium, wenn man schon ein Modul nicht besteht-so habe ich Angst, dass ich aufgrund meiner mehr oder minder schlechten Schulleistung in diesen zwei Fächern ein Geographiestudium nicht durchstehen würde (soviel ich weiss ist ja z.B. Statistik recht wichtig)- und was würde ich dann als Alternative in Angriff nehmen?
Hier bin ich einfach ratlos. Unter GIS/Geoinformatik/Fernerkundung, die ja soviel ich weiss auch recht wichtig sind, kann ich mir einfach nichts richtig vorstellen, habe keine Vorkenntnisse und kann es nicht einschätzen.

Andererseits: Ich kann Aussagen wie „Ohne Jura/Wirtschaftswissenschaften geht in Geographie heutzutage gar nichts mehr“ gut verstehen. Jura finde ich noch recht interessant und Wirtschaftswissenschaften ebenfalls, wenn man sie kritisch und hinterfragend angeht; ansonsten könnte ich mich dafür auch „selbst motivieren“.
(Ich habe für nächstes Jahr auch das „Ergänzungsfach“ in der Wirtschaftsgeographie belegt.)

In Bezug auf die drei (Teil-) Gebiete der Geographie, die mich am meisten reizen würden, hat mir mein Geographielehrer im Gespräch die Universität in Bern empfohlen.
Kennt sich jemand von euch mit dem Geographiestudium in der Schweiz aus und/oder hat an einer der Universitäten in der Schweiz studiert und könnte mir ein wenig davon berichten? Ich habe gehört, die Universität in Basel wäre in Bezug auf die Geographie nicht gerade gut.
Als Vorteile des Standortes Bern wurde mir die (räumliche) Nähe zum Bund genannt (wo es anscheinend immer wieder kleiner Arbeiten und Projekte für Studenten gebe), zusätzlich dazu die Nähe der Romandie und das Programm „BeNeFri“, mit dem es möglich sei, auch Module/Vorlesungen an den Universitäten von Neuchâtel und Fribourg zu absolvieren und das Studium dadurch zumindest teilweise auch zweisprachig zu gestalten. Andere Standorte kämen für mich wahrscheinlich gar nicht in Frage (weil sie zu weit weg wären, das Wohnen zu teuer o.ä.)

Ich frage mich immer wieder: Bin ich wirklich in der Geographie richtig? Kann und soll ich das „Risiko“ eingehen? Als (Schul-) Fach interessiert sie mich am meisten. Früher wollte ich aber immer Biologie studieren. Dass mein Interesse jetzt so sehr „gekippt“ ist, verunsichert mich ebenfalls. Schliesslich werde ich, bis es soweit ist, nie wirklich wissen, wie es im Studium „so ist“, ob ich es dann auch mag und ob es mir liegt.

Ich hoffe ihr könnt mir ein wenig von euren Erfahrungen „mitgeben“ und mir helfen, meine Fragen zu klären. Ich bin für jede Antwort dankbar.

Herzliche Grüsse
Carina
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon christian_b219 » Sonntag 3. Juni 2012, 01:41

Du kannst ja auch Bachelor Bio mit Nebenfach Geographie machen, also so wie ich das jetzt lese würde ich dir das empfehlen. Es gibt übrigens in der Geographie im eigentlichen auch noch die Fernerkundung die is ganz groß im kommen und zZ scheint mir das son bisschen der Rettungsschirm für viele Physische Geos zu sein. Bei Humangeo würdest du deine Berufschancen auf jedenfall maximieren wenn du Jura und BWL dabei hättest wobei ich auch hier eher dazu tendiere nen Bachelor mit Nebenfach Geographie zu machen mir scheint ein BWL Abschluss einfach höher bewertet zu werden. Ähnliches gilt für Bio. Auf jedenfall solltest du dir da erstmal sicher sein was du da genau willst, und ich würde da an deiner Stelle auch ganz bewusst etwas extremes (damit meine ich eben geo nur als Nebenfach) nehmen und dort ein Scheitern im ersten Versuch in Kauf nehmen, die Erkenntnis dass du weisst dass es nix für dich ist, ist viel Wert! Ich habe selbst mit Humangeo Jura+BWL angefangen und steuer jetzt auf nen Abschluss zu den man fast mit einem Lagerstättengeologe gleichsetzen könnte. Deswegen is aus Uni technischer Sicht auch die Taktik dass du Geo als Nebenfach nimmst besser weil du dann weniger mit deiner maximalen Gesamtsemesteranzahl Probleme bekommst wenn du wechselst, aus Bafög technischer Sicht wäre das aber in D schlechter aber kA wie es in der Schweiz ist.

Mathe Physik hatte ich eig nicht wenn du Geologie machst wirst du evtl chemie brauchen Statistik wird unumgänglich sein, bei uns war das wohl der schwerste Teil des Studiums aber gut das sind 2 Semester da muss man halt iwie durch und wenn du BWL machst kommst du da sowieso nicht rum (evtl musst du dass dann aber bei einer Kombi BWL+Geo nur einmal belegen, die Inhalte sind da nicht so verschieden, wobei unsere Statistik von nem Klimaprof gehalten wurde und daher zwar schwer aber durchaus interessant war).
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon Carina » Dienstag 5. Juni 2012, 20:41

Hallo Christian,

ich danke dir erstmal für deine Antwort. Ich muss mich leider relativ kurz halten, weil ich noch einiges zu tun habe, ich werde dir vielleicht noch ausführlicher antworten, wenn ich dazu komme und mir noch etwas einfällt.
Ich möchte dich noch fragen, warum du mir Geographie "nur" im Nebenfach empfehlen würdest, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dich da richtig verstanden habe. Weil der Abschluss in Geographie nicht so hoch bewertet wird? Ich sehe hier mein Problem, dass mich Geographie am stärksten von allen (Uni-) Fächern interessiert und ich bezweifle, ob ich mich wohlfühlen würde, wenn ich Geographie nicht als Hauptfach hätte. Gerade an Biologie im Unterricht bzw. der universitären Lehre, soweit ich sie kenne, habe ich keine Freude.

Ich muss es mir natürlich spätestens nächstes Jahr überlegen, wie ich genau vorgehen will. Mein Ziel ist es eben, bis dahin zu wissen "was ich will". Ich wollte dazu noch einen neuen Thread schreiben, aber ich nehme es einfach mal hier rein. Ich tendiere momentan stark in Richtung Entwicklungshilfe, bzw. im Allgemeinen sowieso Humangeographie. Ich könnte mir eine Kombination mit Jura (sicher, denn das finde ich noch sehr interessant) und wahrscheinlich VWL (kann ich mehr damit anfangen und finde ich spannender und aus meiner persönlichen Sicht (!) auch "wichtiger" als BWL) gut vorstellen, aber ich weiss eben nicht, ob das "etwas bringt". Vielleicht kannst du mir noch etwas dazu sagen?

Was Mathe und Physik angeht: Ich habe ja schon im Eröffnungsthread geschrieben, dass ich nicht das Problem habe, dass es mich nicht interessieren würde, sondern dass ich in den entsprechenden Schulfächern schlecht bin und ich Angst habe, dass sich das später "rächt" oder irgendwie Konsequenzen hat.

Edit: Vielleicht sollte ich noch meine frühere Aussage "früher wollte ich aber immer Biologie studieren" noch präzisieren und kommentieren:

An der Biologie faszinierte mich immer die Feldforschung, das Beobachten von Lebewesen, ohne sie zu töten und auseinanderzunehmen, v.a. in den Bereichen Ornithologie und Entomologie (über diese beiden Bereiche habe ich auch mein Engagement im Naturschutz gefunden).
Die heutige Tendenz Richtung "Life Sciences" mag ich nicht (nicht, dass ich sie abschätzig betrachte, ich mag sie nur persönlich nicht; und wenn ich etwas Falsches sage, korrgiert mich bitte!). Als "Feld-Wald-Wiesenbiologe", was man laut einem Kollegen von mir wird, wenn man Zoologie o.ä. und nicht Mikrobiologie studiert, die ja momentan nach meinem Wissen eine der wichtigsten Richtungen in der Biologie ist, sind die Berufschancen wahrscheinlich auch nicht besser als mit einem Abschluss in Geographie- oder was denkt ihr darüber? Verknappt, fast shcon überspitzt würde ich sagen, mich faszinieren in der Biologie Methoden, die man wahrscheinlich als veraltet oder überholt bezeichnet würde und wahrscheinlich im Studium und in der Praxis kaum noch Bedeutung haben. Und ich habe ständig das Gefühl, dass es mir in der (Human-) Geographie anders/besser geht.

Herzliche Grüsse
Carina
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon christian_b219 » Dienstag 19. Juni 2012, 23:43

Es gibt letztendlich bei allen Studiengängen Dinge die einen nicht gefallen, bei uns zB bekommen die Leute in der Geologie Einf. knapp 100 Mineralnamen vorgesetzt. Letztendlich schätze ich mit einem spezialisierterem Studiengang die Einstellungschancen besser ein nicht mal unbedingt weil die Geographie weniger Wert ist. Du solltest schon irgendwann wissen was du willst. Ich würde das Experiment machen mich in einen Studiengang einschreiben wo man alle Sachen die ich nicht ausschließen könnte versuche "anzustudieren" und dann schaun was mir am besten gefällt, und notfalls studiengang wechseln und die bereits erworbenen Scheine mitnehmen.
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon Carina » Samstag 23. Juni 2012, 20:28

Hallo Christian,

wiedereinmal danke für deine Antwort.
Dass ich einmal wissen soll bzw. muss, was ich will, das ist mir klar. Darum versuche ich ja jetzt auch, mich so gut wie möglich zu informieren.
Zum Thema "spezialisierter Studiengang" ist mir noch eingefallen: Wäre es, in Bezug auf die Geographie, nicht auch möglich, eine gewisse Spezialisierung über die Wahl der Nebenfächer zu erreichen? Die Ausrichtung bzw. Wahl zwischen Physischer und Humangeographie müsstei ch ja so oder so machen, oder nicht? Ist das abhängig vom Studienstandort?

Herzliche Grüsse
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon geo44 » Mittwoch 28. August 2013, 15:42

Hier kannst du dich ausführlich über ein Geographie Studium an der KU Eichstätt-Ingolstadt informieren:
http://www.ku.de/mgf/geographie/
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Re: Situation in und nach dem Studium (Achtung, sehr lang!)

Beitragvon geogräfin » Samstag 31. August 2013, 00:11

Na, jetzt hast du deine Eichstätt-Ingolstadt-Werbung ja bald überall platziert ...
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