Verknüpfung von Geographie und Geschichte

Verknüpfung von Geographie und Geschichte

Beitragvon Reaumur » Donnerstag 1. Juni 2006, 17:40

Leider wußte ich nicht genau, in welches Unterforum ich mein Thema am besten einstellen sollte, ich hoffe mal, daß es hier ganz gut aufgehoben ist.

Mich würde mal interessieren, was ihr allgemein von der Verknüpfung der beiden Disziplinen Geschichtswissenschaften und Geographie haltet. Bei mir persönlich ist es so, daß mich diese beiden Themenbereiche immer schon sehr interessiert haben, auch unabhängig voneinander. Schließlich habe ich dann nach der Schule beschlossen, Geographie zu studieren und Geschichte ist eines meiner beiden Nebenfächer. Im Laufe des Studiums habe ich festgestellt, daß sich diese beiden Fächer wirklich ideal ergänzen können und es viele Fragestellungen geben kann, für die eine solche interdisziplinäre Verknüpfung sinnvoll erscheint. Selber hatte ich in meinem Studium häufiger mit thematischen Überschneidungen dieser Art zu tun, z.B. bei der Stadt- und Siedlungsforschung. Die Möglichkeiten, Geschichte und Geographie miteinander zu verknüpfen sind vielfältig, da zum einen räumliche Bewegungen und Strukturen wie z.B. Wanderungen oder Siedlungen stark von geschichtlichen und gesellschaftlichen Begebenheiten abhängen und beeinflußt werden. Andererseits beeinflußen auch natürliche und landschaftliche Begebenheiten und Naturereignisse das Verhalten der Menschen. Es gibt seit je her eine wechselseitige Beziehung und Beeinflussung der Menschen mit ihrer Natur und ihrer Umwelt. Einerseits gestaltet der Mensch seine Umwelt aktiv, andererseits muß er sich oft der Macht der Natur beugen, z.B. bei Naturkatastrophen.
Darüber hinaus gibt es natürlich auch die Möglichkeit, die jeweils andere Disziplin als methodisches Hilfsmittel zu gebrauchen. So kann für bestimmte geographische Fragestellungen die Auswertung historischer Quellen äußerst nützlich sein, z.B. zur Rekonstruktion früherer Landschaften oder Naturereignisse. Umgekehrt kann die Geographie auch eine gut geeignete Hilfswissenschaft für historische Fragestellungen sein. So kann z.B. insbesondere die Kartographie oder auch geographische Informationssysteme historischen Fragestellungen einen guten Dienst leisten.

Wer von euch interessiert sich ebenfalls sowohl für Geschichte als auch für Geographie und insbesondere für die Verknüpfung dieser beiden Disziplinen? Ich finde, es steckt eine Menge Potential in dieser interdisziplinären Verknüpfung. Außerdem würde ich mich gerne mit Gleichgesinnten regelmäßig zu Themen dieser Art austauschen, z.B. über eine Mailingliste.
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Beitragvon Arno » Donnerstag 1. Juni 2006, 17:53

In der Physischen Geographie etabliert sich gerade eine neue 'Teildisziplin', die genau in die gleiche Richtung weist: Geoarchäologie.
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Beitragvon Reaumur » Donnerstag 1. Juni 2006, 18:07

Die Geoarchäologie ist mir natürlich auch bekannt und ich selber hatte auch schon intensiver mit ihr zu tun und finde sie auch ziemlich interessant. Gerade an unserem Institut ist die Geoarchäologie ein Schwerpunktthema. Aber wie die Bezeichnung dieser Teildisziplin schon sagt, ist es eher eine Zusammenarbeit mit der Archäologie und weniger mit den Geschichtswissenschaften, auch wenn durchaus auch schriftliche Quellen herangezogen werden.
Ich meinte aber schon die Zusammenarbeit mit der Geschichtswissenschaft, wobei der Schwerpunkt auf der Auswertung schriftlicher Quellen liegt. Das spielt sich ja in einem anderen Zeitraum ab, eben in der historischen Zeit. Gerade da gibt es viele Möglichkeiten. Je später das Zeitfenster, um so besser die Quellenlage. In der Neuzeit dürfte die Quellenlage je nach Thema schon gut genug sein, um viele Fragestellungen behandeln zu können, aber auch mittelalterliche Quellen sind nicht zu unterschätzen. Das spannende daran ist, daß man sich in die jeweilige Sichtweise der Zeit hineinversetzen muß, um eine Quelle zu interpretieren. Wenn es z.B. um Naturereignisse geht, so wird man in schriftlichen Erzeugnissen vor allem Berichte über Katastrophen finden, z.B. Überschwemmungen oder Erdrutsche. Aber mit der richtigen Vorgehensweise kann man auch Quellen über den "Normalzustand" der Natur finden.
Ich persönlich interessiere mich ja sehr für historische Klimatologie und schreibe deswegen auch meine Diplomarbeit zu diesem Thema. Auch wenn ich da aus zeitlichen Gründen leider nicht sehr weit in der Zeit zurückgehen kann.
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...

Beitragvon Ulli » Donnerstag 1. Juni 2006, 20:17

gucksu hier: http://www.giub.uni-bonn.de/hisgeo/


gruß,


die bonner ulli
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Beitragvon Federwolke » Freitag 2. Juni 2006, 00:37

Hi

Man kann auch fragen, ob Geschichte ohne Geographie überhaupt geht? Umgekehrt schon eher, wenn man sich Scheuklappen aufsetzt, aber für mich persönlich gehören diese Fächer eng zusammen. Die Dimension "Zeit" spielt meiner Meinung nach in der Geographie eine ebenso wichtige Rolle wie der Raum. Und den Geschichtslehrer, der in der Lektion die Klasse fragen musste, ob jemand weiss, wie Stalingrad heute heisst (wenn er gewusst hätte wo es liegt, hätte er ja selber nachgucken können... ;) ) fand ich ziemlich peinlich.
Nur so als (triviales) Beispiel.
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Beitragvon Reaumur » Samstag 3. Juni 2006, 14:36

@Federwolke:

Ich bin auch der Meinung, daß beide Disziplinen einfach zusammengehören, ja ich würde fast so weit gehen, zu behaupten, daß sie fast so etwas wie eine Einheit bilden. Man muß sich wirklich Scheuklappen aufsetzen, wenn man die jeweilige andere Richtung nicht beachten möchte, das gilt meiner Meinung nach für beide Disziplinen. Es ist auf jeden Fall sehr hilfreich, wenn man als Geograph ein gewisses Interesse an Geschichte hat bzw. umgekehrt gilt das auch. Viele Zusammenhänge sind so einfach besser nachvollziehbar. Und spannend ist es sowieso.


@Ulli:

Schön, daß es bei euch in Bonn so etwas gibt. Die Teildisziplin Historische Geographie wird ja leider nicht an jedem Instutitut angeboten, bei uns in Marburg z.B. nicht.


Aber ich möchte auch nochmal auf die Bedeutung der Geschichte als geographische Hilfswissenschaft zurückkommen. So wie ich das sehe, wird dieser Aspekt in der Geographie doch etwas vernachlässigt, obwohl viel Potential darin steckt. So sind historische Quellen, sofern sie nach ihrer Interpretation als glaubwürdig angesehen werden, eine Möglichkeit, besonders genau datieren zu können. Mit schriftlichen Quellen kann man nämlich in vielen Fällen auf den Tag genau datieren, welche Methode schafft das schon.


http://geo-geschi.blog.de
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Beitragvon Kieselsäure » Montag 5. Juni 2006, 10:21

Ich stimme zu, gerade in der Geographie sollten auch solche Methoden gang und gäbe sein. Da braucht man nur schon mal historische (mittelalterliche) Karten und Kartenversuche zu nehmen, da lässt sich schon einiges über die Landschaftsgeschichte z.B. ableiten.
Oder eben Aufzeichnungen über Witterungsereignisse etc etc.
Würde mich auch interessieren mehr darüber zu erfahren.

Gruss, Kiesi
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Beitragvon Reaumur » Dienstag 1. Mai 2007, 15:12

Es gibt übrigens eine Mailingliste, die als historisch-geographische Gesprächsrunde dienen soll. Ich hoffe, es wird hier nicht als Werbung aufgefaßt, wenn ich darauf hinweise. Es haben sich schon einige eingetragen, es könnten aber ruhig noch mehr werden. Wenn sich also jemand mit Gleichgesinnten über historisch-geographische Themen aller Art austauschen möchte, dann würde ich mich freuen, wenn er oder sie sich in die Mailingliste einträgt und mitdiskutiert.

Einfach eine E-Mail an folgende Adresse schicken: hggk-subscribe@yahoogroups.de
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