Wissenschaftstheorie

Wissenschaftstheorie

Beitragvon Alpen » Montag 20. September 2004, 16:12

Suche einschlägige Literatur zur Wissenschaftstheorie, besonders für die/aus der Geographie.
Habe nicht allzuviel gefunden, würde mich über Anregungen, Hinweise sehr freuen.
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Beitragvon Maddin » Dienstag 21. September 2004, 18:02

Also eigentlich gibt es sowohl allgemeine Literatur zu Hauf als auch bezogen auf die Geographie eine ganze Menge.

Vielleicht hilft Dir als Recherchie-Hilfe der Link: http://www.geolinks.de/search.htm

Einfach mal ein paar synonyme und verwandte Begriffe absuchen: Methodologie, Erkenntnistheorie etc.
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Re: Wissenschaftstheorie

Beitragvon Benny » Mittwoch 22. September 2004, 21:47

Alpen hat geschrieben:Suche einschlägige Literatur zur Wissenschaftstheorie, besonders für die/aus der Geographie.
Habe nicht allzuviel gefunden, würde mich über Anregungen, Hinweise sehr freuen.

Was hast Du denn schon gefunden?
Ansonsten versuch es doch mal in einer Standardliteratursuche wie z.B. http://www.geodok.uni-erlangen.de oder bei Deiner Unibib...
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Beitragvon Gast » Donnerstag 23. September 2004, 23:56

besonders für die/aus der Geographie

gibt es eine spezifisch geographische wissenschaftstheorie ??? wäre mir neu
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Beitragvon Maddin » Montag 27. September 2004, 17:14

@gast

ja man lernt nie aus.
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Beitragvon geogräfin » Montag 27. September 2004, 18:04

ja man lernt nie aus.

ich lerne gerne nie aus: wie ist deine aufschlussreiche bemerkung zu verstehen?
(hinweis: der "gast" war ich - war noch nicht angemeldet).

es wäre mir wirklich neu, wenn es eine spezifisch geographische wissenschaftstheorie gäbe - wissenschaftstheorie ist nicht disziplinspezifisch, sondern sie befasst sich grundsätzlich mit fragen nach wissenschaft, erkenntnis, erkenntnisgewinn u.ä.; disziplintheorie (die sich disziplinspezifisch mit interessensgegenstand, methodologie etc. auseinandersetzt) ist nicht mit wissenschaftstheorie gleichzusetzen (auch wenn sie mit ihr verknüpft ist).
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Beitragvon Maddin » Dienstag 28. September 2004, 13:06

möchte dich in deinen grundfesten nicht erschüttern. klingt mir zu sehr nach "überzeugung".
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Beitragvon karlmay » Dienstag 28. September 2004, 16:37

Wer Grundfeste erschüttern kann, würde es wohl tun ...

klingt mir zu sehr nach "überzeugung".

Vielleicht Überzeugung, die auf Wissen beruht?
Wo die Gräfin Recht hat, hat sie jedenfalls noch lange nicht Unrecht.
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Beitragvon Alpen1 » Donnerstag 30. September 2004, 10:54

Erst mal besten Dank für die bisherigen Antworten.

Es dreht sich bei meiner Ausgangsfrage um den wissenschaftstheoretischen Ansatz beim Übergang vom kritischen Rationalismus zu hermeneutischen Verfahren. Also der relativ jungen methodischen Vorgehensweise von quantitativen zu qualitativen Erhebungen.
Hierzu fehlt mir noch der theoretische Hintergrund, warum sich der Geograph z.B. anstelle umfangreiche Statistiken heranzuziehen lieber leidfadengestützte Interviews führt.
Oder einfacher ausgedrückt, warum der Geograph in jüngster Zeit mehr zum Verständnis der Welt beitagen will als diese zu Erklären.
Alpen1
 

Beitragvon Gast » Donnerstag 30. September 2004, 19:54

Oha - ein weites Feld ...
Ich versuch mal, ein paar Gedanken zusammen zu bringen.
Ich beziehe mich dabei (überwiegend) auf die Geographie, also nicht auf die übergeordnete Diskussion in der Wissenschaftstheorie. Außerdem lasse ich die physische Geographie außer Acht.
- Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, die Geographie (bzw. die Geographen) wollten "die Welt nicht mehr erklären". Sie versuchen dies aber mehr und mehr auf anderen Wegen und mit anderen Zielsetzungen. Insbesondere sind dabei Aspekte wie "Gesellschaft", "menschliche Handlungsfähigkeit", "soziale Konstruktionen von Raum" immer mehr in den Vordergrund gerückt und Aspekte wie "physisch-materielle Gegebenheiten des Raumes" in den Hintergrund.
- Die Geographie hat sich (a) zu lange auf physisch-materielle Gegebenheiten des Raumes und deren Bedeutung konzentriert ("Objektforschung") und (b) zu wenig mit dem Aspekt "Gesellschaft" (wie konstituieren sich Gesellschaften, welche Bedeutung haben Sie für das Handeln des Einzelnen ...) auseinandergesetzt; sie hat sich dementsprechend lange zu wenig auch mit der Soziologie (Gesellschaftstheorien) "kurzgeschlossen".
- Die Geographie ist mit der quantitativen Ausrichtung sehr stark Gefahr gelaufen, im Bereich menschlicher Handlungen naturgesetzlich zu argumentieren, Kausalitäten aus statistischen Zusammenhängen abzuleiten und damit "raumdeterministische" Sichtweisen zu pflegen. Dies wird z.B. in der Raumwirtschaftstheorie deutlich, die das Aufspüren von "Raumgesetzen" im Bereich des menschlichen Wirtschaftens zu Ziel hat(te). Beispiel Standorttheorien: Die Lage (optimaler) Standorte - und damit letztlich die Erklärung von Mustern räumlicher menschlicher Aktivitäten - wurde versucht zu erklären als in erster Linie bestimmt von Distanzen, Standorten von Absatzmärkten, Rohstoffquellen u.ä. Anders ausgedrückt: Menschliche Handlungen (Standortwahl) ist eine Funktion physisch-materieller Gegebenheiten. Die entscheidende Kraft - menschliche Handlungen, Absichten etc. - wurde weitgehend ignoriert bzw. unter Berufung auf ein unrealistisches Menschenbild des homo oeconomicus sträflich vernachlässigt. Solche "raumdeterministichen" Sichtweisen findet man in vielen geographischen Erklärungen nach dem Muster: "Die Region hat sich so und so entwickelt, weil da das und das (Autobahnanschluss, Kohlevorkommen, ...) gegeben ist." Man versucht gegenwärtig mehr und mehr, den entscheidenden Aspekt - menschliche Handlungen und deren Bedingungen - in den Vordergrund zu rücken, und es ist schwer möglich, die (relative) menschliche Handlungsfreiheit mit Hilfe quantitativer Verfahren zu erklären.
- Mehr und mehr spielt in der Humangeographie die "Einsicht" eine Rolle, dass "Raum" mehr ist als physisch-materielle Gegebenheiten (seien es nun natürliche oder vom Menschen geschaffene), und dass vor allem die physisch-materiellen Gegebenheiten nicht per se mit festen Bedeutungen verknüpft sind, wie offenbar lange Zeit implizit unterstellt wurde. Weitere Aspekte von"Raum" (bzw. Objekten) sind vielmehr (wandelbare) Bedeutungen, die vom Menschen zugewiesen werden - "Raum" ist also damit etwas "sozial Konstruiertes", und zum Verständnis dieser Bedeutungszuweisungen muss man sich intensiv mit dem "Sozialen" auseinandersetzen, mit den Mechanismen der Bedeutungszuweisung, den Machtverhältnissen, die bei Bedeutungszuweisungen eine Rolle spielen, dem Symbolcharakter von Objekten, der Art und Weise, wie Symbole "gesetzt" und "gelesen" werden etc. etc. Da "Raum" als "soziales Konstrukt" sowie gleichzeitig auch auch als Hintergrund menschlicher Handlungen gesehen werden kann, ist es zur Untersuchung des "Gesellschafts-Raum-Verhältnisses" unumgänglich, sich mit dem "Sozialen", den menschlichen Handlungen und Handlungsbedingungen eingehend zu befassen. Spätestens bei solchen Punkten wie "Bedeutungszuweisungen", "Lesen von Symbolen" u.ä. kommt man mit quantitativen Methoden nicht sehr weit, sondern ist auf interpretative Verfahren angewiesen.
- Auch in der Geographie machen sich konstruktivistische Tendenzen breit - ganz kurz gesagt: "Das, was die Menschen als Wirklichkeit erachten, ist eine menschliche Konstruktion". Damit ist nicht gemeint, dass der Mensch die Welt geprägt hat, sondern dass die Wirklichkeit eine "Erfindung" ist. Mit dieser wissenschaftstheoretischen Haltung wird eine wissenschaftliche Vorgehensweise des "sich-durch-Hypothesen-prüfen-einer-objektiven-Realität-annähern" zum Scheitern verurteilt, auch damit wird die Bedeutung quantitativer Verfahren "reduziert", vielmehr rücken (eher qualitative) Methoden in den Vordergrund, die die Konstruktionsprozesse zu beleuchten versuchen.
- In jüngerer Zeit ist in der deutschsprachigen Geographie (mit starker zeitlicher Verzögerung nach der angelsächsischen) die "Kultur" verstärkt zum Gegenstand des Interesses geworden ("Die neue Kulturgeographie"). Dabei werden u.a. verstärkt Alltagspraktiken und ihre Bedeutung für das Mensch-Raum-Verhältnis betrachtet, auch hier verstärkt Aspekte wie Sprache, Symbolik, Praktiken der Machtausübung , der Raumaneignung durch Gruppen etc. etc. Ebenfalls Bereiche, in denen mit quantitativen Verfahren kaum etwas zu holen ist, sondern vorwiegend mit interpretativen und deutenden Verfahren.

Wie gesagt - ein weites Feld. Ich verbessere mich: Ein weites, weites Feld. Lässt sich in ein paar Sätzen schwer umreißen. Ich möchte betonen, dass meine Frei-Hand-Ausführungen keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erheben! Die einzelnen (mit Spiegelstrichen abgegrenzten) Punkte sind dabei auch nicht als verschiedene, voneinander losgelöste Argumentationstränge zu sehen, sondern sie greifen intensiv ineinander.
Hoffe trotzdem, geholfen zu haben.
Gast
 

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